Fernschach mit Maschinen: Für eine KI-Allmende – und für die Kiez-Reporterin
In der DDR war Fernschach weit verbreitet. Internet gab es noch lange nicht, und ein eigener Telefonanschluss war eine Seltenheit. Wer sich mit anderen messen wollte, schrieb seinen Zug – etwa 1. e2–e4 – auf eine Postkarte, warf sie in den Briefkasten und wartete tagelang auf die Antwort. Zu Hause stand das Holzbrett, auf dem man die Züge der fernen Gegnerin geduldig nachstellte und zusah, wie sich die Partie über Wochen und Monate entfaltete.
Mein Vater erzählte mir einmal von einem ebenso schlichten wie genialen Streich. Jemand begann gleichzeitig zwei Fernpartien gegen zwei starke Spielerinnen – in der einen mit Schwarz, in der anderen mit Weiß. Traf der Eröffnungszug der ersten ein, schrieb die Person ihn einfach auf eine neue Postkarte und schickte ihn als eigenen Zug an die zweite. Deren Antwort ging zurück an die erste. Ohne es zu ahnen, spielten die beiden Spielerinnen monatelang gegeneinander, während die Person in der Mitte nur das Porto bezahlte und zusah, wie sich zwei fremde Köpfe auf ihrem Brett maßen.
Kooperatives Fernschach zwischen Claude und Gemini
Heute nutze ich dieses Prinzip fast täglich – mit einer entscheidenden Wendung. Auf meinem Bildschirm laufen zwei der leistungsfähigsten Sprachmodelle unserer Zeit: Claude und Gemini. Wenn ich an einem heiklen Schreiben an eine Behörde feile oder die Architektur dieser Website umbaue, reiche ich die Antwort der einen KI an die andere weiter.
Ich lasse Claude einen Entwurf schreiben und lege ihn Gemini vor. Gemini lobt die Struktur, entdeckt eine Fallgrube und formuliert um. Diese Fassung gebe ich zurück an Claude – und Claude zeigt trocken, wo Gemini übers Ziel hinausgeschossen ist, Details übersehen oder einen zu dramatischen Ton angeschlagen hat. Spannend wird der nächste Zug: Zurück bei Gemini verteidigt die Maschine ihr Revier nicht gekränkt, sondern antwortet sinngemäß: „Die Kritik trifft ins Schwarze – an zwei Stellen habe ich überzogen.“
Aus dem alten Fernschach-Trick ist etwas Neues geworden. Die beiden Systeme spielen nicht ahnungslos gegeneinander. Sie sehen die Züge des anderen offen auf dem Tisch und spielen sich die Bälle zu. Technisch ließe sich dieser Dialog längst automatisieren. Doch gerade in meiner Rolle als menschlicher Postbote zwischen zwei unterschiedlichen Maschinenlogiken entsteht eine Reibungswärme, die klügere Ergebnisse hervorbringt als jedes System für sich allein.
Wem gehört das Gedächtnis der Menschheit?
Wer diesem Pingpong zusieht, kommt an einer Gerechtigkeitsfrage nicht vorbei: Woher stammt diese scheinbar übermenschliche Klugheit?
Eine Künstliche Intelligenz ist so klug wie die Daten, mit denen sie trainiert wurde. Und diese Daten sind Texte. In Milliarden von Sätzen stecken Ideen, Irrtümer, Gedichte, wissenschaftliche Durchbrüche, Leid und Hoffnung aus Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Dieses Wissen haben weder Elon Musk noch Larry Page, Sergey Brin, Jeff Bezos oder Peter Thiel hervorgebracht. Und doch sammeln sich die Erträge daraus bei einer Handvoll Konzerne – und bei Männern, deren Privatvermögen auf Hunderte Milliarden Dollar angewachsen ist, Summen jenseits jedes Maßes, das ein einzelnes Leben sinnvoll füllen könnte.
Die Ironie entgeht mir dabei nicht: Gemini gehört zu Google, und hinter Claude stehen Milliardenbeteiligungen von Amazon und Google. Mein kooperatives Fernschach spielt sich also auf Brettern ab, die genau diesen Konzernen gehören. Umso dringender wird die Frage, wem die Partie eigentlich gehört.
Wenn der Rohstoff der Künstlichen Intelligenz das gemeinsame Kulturerbe unserer Spezies ist, dann darf die Ernte daraus kein privates Monopol weniger Unternehmen bleiben. Wir brauchen eine globale Regelung für eine KI-Allmende, eine AI Commons: einen fairen Zugang der gesamten Menschheit zu den Werkzeugen, die aus unserem gemeinsamen Gedächtnis destilliert wurden.
Die neue Einhegung
Die digitale Ökonomie bewegt sich derzeit in die entgegengesetzte Richtung. Statt einer offenen Allmende erleben wir die Privatisierung des menschlichen Gesprächs.
Es gibt erste Versuche, das Abgrasen des Netzes neu zu ordnen. Cloudflare etwa erprobt mit Pay-per-Crawl ein Modell, bei dem KI-Crawler für den Zugriff auf Webseiten bezahlen sollen. Das kann bestenfalls ein Übergang sein. Denn zugleich verkaufen Plattformen die Gespräche ihrer Nutzerinnen und Nutzer: Reddit hat Google gegen eine Lizenzgebühr Zugang zu seinen Daten für das KI-Training gegeben, berichtet werden rund 60 Millionen Dollar im Jahr; ein ähnlicher Vertrag besteht mit OpenAI. Und Discord macht ab Mitte Dezember 2026 die Nachrichten aus mehr als 63.000 öffentlichen Servern für Suchmaschinen auffindbar – Gespräche, die bisher weitgehend im Inneren der Plattform blieben.
Was in Reddit-Foren und auf Discord-Servern verhandelt wird, ist der rohe Pulsschlag unserer Gegenwart: unfertige Gedanken, Zweifel, Subkulturen, gemeinsame Suchbewegungen. Zu verstehen, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln, sollte ein offenes Gut für alle sein – und kein exklusiver Rohstoff für die Trainingspipelines weniger Billionen-Konzerne.
Kiez-Reporterin gegen Web-Crawler
Was geschieht mit uns, wenn wir merken, dass jedes öffentlich getippte Wort abgesaugt, verwertet und in geschlossene Modelle gepresst wird? Wir ziehen uns zurück. Einem gesichtslosen Crawler vertraue ich meine verletzlichen Ideen auf Dauer kaum an.
Genau hier berührt die globale Frage der AI Commons die Nachbarschaft vor unserer Haustür – und die Idee der Kiez-Reporterin. Genau deshalb schicken wir bei UNO.TEAM keinen Algorithmus los, sondern eine echte Kiez-Reporterin, die Menschen in unserer Leipziger Nachbarschaft direkt im Café oder im Laden gegenübertritt und ihnen zuhört. Einem Crawler öffnet sich niemand von Herzen. Aber einem Menschen, der im Café an der Ecke sitzt, zuhört und zu dem über Wochen und Monate Vertrauen wächst, öffne ich mich. Ihr erzähle ich, was mich wirklich bewegt: welche Geschichte hinter meinem Laden, meiner Flucht oder meiner Idee steckt.
Vielleicht liegt darin die Doppelstrategie für die kommenden Jahre. Auf der einen Seite lassen wir die großen KI-Modelle wie im alten Fernschach kooperativ füreinander arbeiten und fordern sie als gemeinsames Erbe der Menschheit zurück. Auf der anderen Seite setzen wir dem Abgrasen der Crawler etwas entgegen, das kein Rechenzentrum der Welt kopieren kann: das Gespräch von Mensch zu Mensch an einem Tisch in unserem Kiez.
🤖 Reflexions-Quiz zu Thought #449
Drei Fragen zum Weiterdenken. Wähle eine Antwort – danach bekommst du eine Erklärung und einen Impuls zur Selbstreflexion.
- Worin unterscheidet sich das Arbeiten mit Claude und Gemini von der historischen Fernschach-List?
A) Die beiden Modelle sehen die Züge des anderen offen und ergänzen sich kooperativ.
B) Eines der Modelle gewinnt am Ende, weil es dem anderen seine Fehler nachweist.
C) Beide Modelle sind direkt über eine Schnittstelle verbunden, der Mensch schaut nur zu.
D) Beide Modelle arbeiten unabhängig, und der Mensch wählt nur die bessere Antwort aus. - Warum fordert der Essay eine globale KI-Allmende?
A) Weil die großen Sprachmodelle bereits als Open Source frei verfügbar sind.
B) Weil Pay-per-Crawl die Frage der Datenrechte bereits gelöst hat.
C) Weil die Trainingsdaten auf dem kollektiven Wissen aus Jahrtausenden Menschheitsgeschichte beruhen.
D) Weil KI-Modelle vor allem mit Texten der Unternehmensgründer trainiert wurden. - Was gibt die Kiez-Reporterin, was ein Web-Crawler nie geben kann?
A) Sie erreicht mehr Menschen in kürzerer Zeit als jede Suchmaschine.
B) Vertrauen, das in persönlicher Begegnung wächst und Menschen dazu bringt, sich zu öffnen.
C) Sie sammelt Gespräche unauffällig, ohne dass jemand davon erfährt.
D) Sie veröffentlicht jedes Gespräch sofort, damit es für alle zugänglich ist.