Vom 9. November 1989 bis zu meinem persönlichen Mauerfall: Überholen ohne einzuholen
Ich habe mir jetzt den Text noch mal durchgelesen und festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, positiv zu formulieren, eine freundliche Zunge zu behalten, um die Menschenherzen zu erreichen. Aber es sei mir vielleicht doch noch erlaubt, diese Kritik anzubringen. Das ist so, wie ich es empfunden habe, und ich kann gern jetzt noch stärker reflektieren und überlegen, was ich in Zukunft ändern kann, damit ich eben vor allem positive Erfahrungen machen werde. Das ist ein Lernprozess, auf den ich mich gern einstelle und auf den ich mich freue.
Am Montag ist der 9. November – für mich ein Jahrestag, den ich nie vergessen werde, weil ich am 9.11.1989 als Angehöriger der Grenztruppen der DDR den Fall der Berliner Mauer miterlebt habe. Und das ist etwas, was mich bis ans Lebensende begleiten wird als eines der beeindruckendsten Ereignisse und Erlebnisse, die ich jemals hatte – weil ich 18 Jahre meines Lebens in dem festen Bewusstsein aufgewachsen bin, dass ich die DDR mit hoher Wahrscheinlichkeit nie verlassen werde und dass ich nie die Möglichkeit haben werde, nach West-Berlin zu gehen.
Einige Jahre zuvor hatte ich eine Begegnung mit Komsomolzen und Komsomolzinnen aus Irkutsk, weil mein Vater als Russischlehrer in den Ferien vor allem als Gid-Perewodtschik (Guide/Dolmetscher) gearbeitet hat für Jugendtourist. Jugendtourist war die Jugendtourismusorganisation der DDR, und die hatten einen Vertrag mit Intourist, das war die sowjetische Organisation. Und in den Sommermonaten kamen regelmäßig sogenannte Freundschaftszüge an mit Jugendlichen aus der Sowjetunion, die in der DDR Urlaub machten und Privilegien genossen. Und mein Vater hat mir damals einen Job besorgt, hat gesagt: „Hey Junge, du kannst doch gut Russisch, du kommst mit den jungen Leuten gut zurecht, mach diesen Job als Gid-Perewodtschik!“
Und meine erste Gruppe – das werde ich nie vergessen – von Komsomolzen, wie gesagt aus Irkutsk, kommt an in Berlin. Wir hatten unseren eigenen Reisebus mit unserem eigenen Fahrer, wir haben immer in den besten Hotels die Mahlzeiten eingenommen, es war vom Feinsten. Und wir machen mit unserem eigenen Bus die Stadtrundfahrt durch Berlin, und ich erzähle auf Russisch der Gruppe junger Komsomolzen und Komsomolzinnen viel über die Sehenswürdigkeiten, über die Geschichte meiner Hauptstadt. Und wir fahren ran ans Brandenburger Tor, und dort war planmäßig ein Halt. Und die Gruppe steigt aus, und ich erkläre, dass auf der anderen Seite West-Berlin zu sehen ist und dass hier die Staatsgrenze verläuft, und erkläre den historischen Hintergrund.
Und ich erinnere mich wie heute: Der Chef dieser Truppe – der war nicht allzu groß, hatte immer einen ganz, ganz ernsten Blick, der hat nie gelächelt –, der hat mich wie versteinert angeschaut und hat zu mir auf Russisch gesagt: „So, Torsten, wir wollen, dass du uns da rüberführst.“ Und ich habe am Anfang nicht ganz verstanden, was sie meinen mit „da rüber“. Dann habe ich nachgefragt, und dann sagt er: „Ja, wir wollen durch das Brandenburger Tor rübergehen nach West-Berlin.“ Dachte ich: Jetzt kommt die Pointe, jetzt kommt der Joke, jetzt kommt der Spaß! Und als der nicht kam, habe ich verstanden, dass er das ernst meint. Und dann habe ich diesen Versuch unternommen, ihm zu erklären, dass das die Staatsgrenze der DDR ist und dass drüben der Feind ist – das ist West-Berlin. Und inzwischen waren wir umringt von weiteren Mitgliedern der Gruppe, und es gab schon Unruhe, weil immer mehr sagten: „Wir wollen jetzt da rüber!“ Und ich fast schon hilflos erklärt habe, dass das überhaupt nicht möglich ist, dass ich dann im schlimmsten Fall erschossen werde. Und der Chef hat nicht verstanden, wieso ich die Gruppe nicht nach West-Berlin lasse. Und erst nach einigen Minuten kamen dann einige aus der Gruppe mir zu Hilfe und haben gesagt: „Ja, natürlich haben wir den Krieg gewonnen“ – weil das war das Argument des Chefs: „Wir haben doch gewonnen, wir sind die Sieger! Wieso dürfen wir da nicht rüber? Was soll das? Wieso versperrst du uns den Weg?“ Und dann kamen einige und meinten: „Na ja, klar haben wir gewonnen, aber Berlin wurde doch geteilt, und das hier ist der ehemalige sowjetische Sektor, das ist jetzt Ost-Berlin, die Hauptstadt der DDR, und der Rest, der größere Teil, ist West-Berlin, und der ist autonom und selbstverwaltet, aber ist nicht erreichbar von hier aus.“
Also das war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Und dann, drei, vier Jahre später, bin ich eingezogen worden als Grenzsoldat – mehr oder weniger als Strafe dafür, dass ich dann doch nicht mehr bereit war, Offizier zu werden. Ich war lange Zeit sogenannter Berufsoffiziersbewerber, hatte mich verpflichtet, ich glaube zu 25 Jahren Dienst, und habe aber dann im letzten Moment festgestellt, dass es doch nicht das ist, was ich wirklich will. Und deswegen hat man mich dann strafversetzt zu den Grenztruppen. Strafversetzt deswegen, weil es bekannt war, dass unter den Angehörigen der Grenztruppen ein hoher Anteil Stasi-Mitglieder ist und dass, wenn man sich dort im Grenzdienst etwas zuschulden kommen lässt, man sofort in das politische Gefängnis nach Schwedt kam.
Und dann geschah etwas, was niemand sich hat vorstellen können: Selbst Helmut Kohl, der damalige Bundeskanzler, oder Ronald Reagan, der amerikanische Präsident, oder auch Gorbatschow – all diese mächtigen Männer hätten nie gedacht, dass am 9. November ’89 die Mauer fällt und Berlin nicht mehr geteilt ist. Und mir fällt dieser Song von den Gropiuslerchen ein: „Berlin, dein Herz kennt keine Mauern. Berlin, Berlin, es gibt nichts zu bedauern bei einem Rendezvous…“ Das war überwältigend.
Und ich spanne jetzt den Bogen zu den letzten zwei, drei Tagen: Weil auch vor drei Tagen etwas eingetreten ist, was ich mir hätte nie erträumen lassen. Nämlich, dass ich jetzt selbst in der Lage bin, relativ funktionale bzw. relativ komplexe Websites selbst zu bauen – ich spreche jetzt gar nicht vom Plural, weil uno.team mir völlig genügt. Und das ist etwas, was ich mir auch hätte nie erträumen lassen nach all den Jahren, in denen ich immer wieder Kontakt aufnehmen musste zu Developern, zu Menschen, die programmieren konnten. Das waren fast ausschließlich Männer, und ich war immer wieder abhängig von ihnen, und ich habe also ganz oft auch dieses männliche Ego-Dominanz-Denken erleben müssen.
Zu Anfang, als ich mit Matthias Hanns mehr oder weniger gearbeitet habe, war ich natürlich von ihm abhängig, und er hat mich das auch deutlich spüren lassen, dass ich – wenn man so will – nicht so richtig etwas kann. Und unsere Zusammenarbeit war ja dann auch sehr schnell beendet. Und dann hat Vyacheslav Gromov aus St. Petersburg, aus Leningrad, mich kennengelernt, und wir haben zusammen angefangen zu arbeiten. Das war schon eher auf Augenhöhe. Das war als Fazit eine positive Erfahrung mit Vyacheslav Gromov: Da hatte ich nie das Gefühl, dass er auf mich herabblickt, sondern das war ein freundschaftliches Verhältnis. Aber wir hatten halt die technischen Hürden zu nehmen: Damals, als wir begonnen haben – 2003 noch –, war es sehr schwierig, eine Seite zu hosten, weil die Cloud an sich noch nicht etabliert war. Es gab also nur Managed Servers und es gab Shared Servers. Und da unsere Website damals zu Anfang keine Einnahmen erzielte, mussten wir die Kosten gering halten, und deswegen haben wir meistens das niedrigste Paket gebucht. Und das führte dazu, dass, als die Website dann populärer wurde und wir mehr Traffic bekamen, wir umziehen mussten. Das heißt, die Website musste umgezogen werden, und dieser Umzug hat zwei, drei Wochen gedauert, und die Website war oft tagelang nicht erreichbar. Und diese Umzüge haben wir mehrmals hinter uns gehabt.
Wir haben dann auch den Hoster ständig wechseln müssen: Zu Anfang hatten wir einen preiswerteren, dann sind wir zu Hetzner gewechselt. Dann irgendwann kam Matthias Hanns wieder dazu und meinte: „Hey, ihr braucht einen Virtual Server, einen virtuellen Server, den richte ich euch ein, ihr braucht euren eigenen Server, kauft den!“ Und den haben wir dann auch gekauft für 5.000 Euro bei Thomas-Krenn – so hieß das Unternehmen. Matthias hat mir die Specs gegeben, die Daten, dann habe ich diesen Server zunächst bei ihm im Büro aufgestellt, er hat den zunächst eingerichtet, dann stand der Server bei uns im Büro. Und dann haben wir einen Colocation-Anbieter gefunden in Hannover, das war ein amerikanisches Unternehmen, und das war damals für uns, glaube ich, der einzige, der Colocation anbot. Das heißt, Matthias hat den Server eingerichtet als Virtual Server, und wir haben ihn dann ins Netz gebracht und haben den Backbone genutzt von diesem amerikanischen Unternehmen und haben unsere Site dann bis zum Verkauf auf unserem eigenen Server gehostet.
Und als ich dann neu gestartet bin und die Website neu bauen lassen wollte, dann war meine erste Station KnubiSoft aus der Ukraine. Und ich musste natürlich zunächst erstmal das Serverproblem lösen, musste dafür eine geeignete Variante finden. Und ich hatte damals recherchiert und war auf die Google Cloud gekommen, weil Google damals schon Cloud-Dienste anbot. Und ich dachte, es sei naheliegend, die Website jetzt neu bauen zu lassen in Python, weil ich auch da recherchiert hatte und herausgefunden hatte, dass Python wahrscheinlich die Programmiersprache der Zukunft ist. Und KnubiSoft hat dann versucht, den Server in der Google Cloud einzurichten und schon die erste Version zu bauen, aber es hat am Ende nicht funktioniert aus verschiedensten Gründen – und ich habe erstmal etwa 6.000 Euro in den Sand gesetzt.
Ich musste dann ein neues Team finden: Ich glaube sogar, vor Paweł hatte ich noch ein anderes ukrainisches Unternehmen beauftragt, welches in Python die erste Version von english.best erstellt hat. Und als da wieder irgendwas nicht funktioniert hat – wie so oft in der Zusammenarbeit –, bin ich dann bei einem Ein-Mann-Unternehmen gelandet, bei Paweł aus Polen, den ich genauso wie vorher KnubiSoft über Upwork gefunden habe. Und der Paweł hat als Erstes gesagt: „Ich mache erstmal ein Audit und schaue mir den Code an.“ Und das kostet natürlich etwas Geld – 200 Euro, 300 Euro für das Audit –, den habe ich bezahlt. Und danach meinte er (wir haben immer auf Englisch kommuniziert): „Well, I’m not overly impressed, aber man kann damit etwas anfangen, ich kann den Code bereinigen und dann können wir anfangen.“ Und für das Bereinigen des Codes hat er natürlich seine Zeit berechnet, das ist ja logisch. Das heißt, ich habe schon erstmal etwa 500, 600, 700 Euro auf den Tisch gelegt, bevor das Bauen der Website überhaupt gestartet ist.
Und dann hat Paweł die Website gebaut und ist dann auch an seine Grenzen gekommen, und ich musste wieder den nächsten Anbieter suchen. Und ich glaube, das war dann Light IT – der Denis und Light IT. Die haben das Gleiche vorgeschlagen: dass sie zunächst mal ein Audit machen. Das Audit hat Geld gekostet, und dann haben sie aber gesagt: „Na ja, wir müssen das von Grund auf – from scratch – neu bauen. Mit diesem Code können wir nichts anfangen, der ist so unübersichtlich, da sind so viele Bugs drin, wir müssen neu starten.“ Was bedeutete, dass ich noch mal neu suchen musste und dann bei SoftVoyage (bzw. dem belarussischen Team) gelandet bin, das dann die Version von english.best über mehrere Monate gebaut hat.
Und natürlich ist klar, dass Programmiercode immer Bugs enthält und dass dieser Code immer gewartet werden muss, modernisiert werden muss, dass Bugs entfernt werden müssen – dass also eine Website, wenn sie dann am Start ist, nie fertig ist. Sie ist nie fertig, sie braucht immer Pflege. Und das bedeutete immer Abhängigkeit von Remote-Teams. Weil deutsche Teams waren aus verschiedensten Gründen keine Option: Der erste Grund war, dass es damals – wahrscheinlich genauso wie heute – kaum deutsche Developer gibt, und wenn es sie gibt, dann arbeiten sie vor allem noch in PHP. Mittlerweile gibt es vielleicht auch ein paar Python-Leute, aber damals gab es die eigentlich nicht. Das heißt, ich hätte auch gerne mit einem Local Team gearbeitet hier vor Ort in Leipzig, aber das war unmöglich!
So, das heißt: Jetzt habe ich mehrere Probleme gelöst. Nämlich erstens das Serverproblem, weil ich jetzt Cloudflare Pages nutze – superschnell und kostenlos! Und das nächste Problem ist natürlich die Entwicklung der Website an sich: Ich habe nicht mehr dieses Bottleneck und diesen Riesenaufwand und Reibungsverlust des Scrum-Systems. Scrum ist jetzt Geschichte für mich! Ich muss also jetzt nicht mehr mit diesem Remote-Team kommunizieren, was aufwendig war und schwierig und immer zu großen Verständnisproblemen am Ende geführt hat. Und der Code wird von der KI ständig auch gewartet, verbessert, Bugs werden gelöst, Bugs werden bereinigt – und ich habe sofort das Ergebnis.
Das heißt, dieses Thema Momentum, was wir schon besprochen haben, in Kombination mit Flow: Ich habe Flow und Momentum, und dadurch entstehen immer neue Ideen. Und jetzt kann ich mehrere Projekte innerhalb von uno.team auf der Website abbilden und mehr oder weniger parallel weiterentwickeln. Und das Beste daran ist: Dieses Setup, was ich jetzt habe, ist nur der Anfang – es wird ja noch besser! Auch das, glaube ich, habe ich schon einmal gesagt, ich wiederhole mich gerne.
Und das ist für mich Leapfrogging at its best – das ist wirklich „Überholen ohne einzuholen“! Hier muss ich jetzt nicht Jahre von Programmierkenntnissen nachholen, was für mich unmöglich wäre in meinem Alter. Und damit ergibt sich für mich jetzt noch mal ein ganz neues Zeitfenster, weil ich mich die nächsten vier, fünf, sechs Jahre noch mal auf Web Development konzentrieren kann. Das war etwas, wovon ich mich eigentlich schon fast verabschiedet hatte, weil ich ganz einfach nicht mehr über die Ressourcen verfügte – über die mentalen Ressourcen, weil ich ja ständig suchen muss, ständig kommunizieren muss, ständig warten muss auf Feedback, ständig nachhaken muss, und natürlich auch die finanziellen Ressourcen. Jetzt zahle ich einen Bruchteil von dem, was ich noch vor vier, fünf Jahren an die Remote-Developer-Teams überwiesen habe. Deswegen: Happy days – Humanity at its best!