Thought #192
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Der Mythos der Trägheit

Kapitalismus
Anti Hustle Club

Das populistische Narrativ von den „faulen Totalverweigerern“ ist sozialpsychologisch widerlegt und menschenverachtend. Menschliches Glück entsteht nicht durch Passivität, sondern durch das Erleben von Wirksamkeit und Bedeutung. Die Psychologie zeigt, dass alle Menschen nach dem Zustand des Flows streben – jenem schöpferischen Zustand, in dem man in einer sinnhaften Aufgabe aufgeht und etwas Eigenes erschafft. Anstatt Erwerbslose in veraltete bürokratische Maßnahmen zu zwängen oder gesellschaftlich abzuwerten, müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die allen Menschen den Zugang zu sinnstiftendem, gemeinwohlorientiertem Gestalten ermöglichen.

Die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind für mich schon lange nicht mehr das, was ihre Gründer:innen wie Karl Liebknecht, Wilhelm Liebknecht, Rosa Luxemburg und Käthe Kollwitz zum Beispiel einst waren. Eines der schlimmsten Erscheinungen, wenn es um die SPD geht, ist, glaube ich, Gerhard Schröder, der seines Zeichens den schlimmsten Kriegsverbrecher der Neuzeit als einen „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hat und ihm bis jetzt treu ergeben ist und eine Männerfreundschaft, eine Bromance, mit ihm unterhält. Das ist einfach unfassbar.

Genauso schlimm finde ich die Äußerungen eines Lars Klingbeil – aktuell noch Finanzminister, nicht mehr lange wahrscheinlich –, der sich hingestellt hat und gesagt hat: „Wir machen Politik für die Fleißigen, die früh morgens aufstehen.“ Das finde ich sehr bedenklich, diese Aussage, weil das suggeriert ja, dass es Menschen gibt, die sind fleißig, und dann gibt es andere, die faul sind und die auf der faulen Haut liegen und die uns belasten. Und wenn man diesen Gedanken weitertreibt, dann landen wir ganz schnell – oder vielleicht auch nicht so schnell –, aber wir landen dann wieder bei „Arbeit macht frei“. Das ist dann die logische Konsequenz: Das heißt, wenn es Menschen gibt, die fleißig sind – die sogenannten Leistungsträger, deren Leben einen Wert hat –, dann werden die natürlich Privilegien genießen, während die „Faulen“, die uns belasten, von denen müssen wir uns verabschieden, auf welche Art und Weise auch immer.

Und das finde ich ganz katastrophal, weil es nachweislich keine faulen Tiere gibt und wir im biologischen Sinne Tiere sind, nämlich Säugetiere. Und Sie können Wissenschaftler:innen fragen: Die werden Ihnen sagen, im wissenschaftlichen Sinn gibt es keine faulen Personen. 300.000 Jahre war niemand von uns faul. Sondern nachgewiesen ist, dass wir uns am wohlsten und am glücklichsten fühlen, wenn wir einen Zustand des Flow, des sogenannten Flow, erreichen. Und Flow erreichen wir dann, wenn wir etwas erschaffen, wenn wir einer Tätigkeit nachgehen können, die uns sehr liegt, wofür wir ein Talent haben – dann vergessen wir alles um uns herum und wir sind glücklich.

Wenn wir irgendwo in der Ecke liegen, dann sind wir unglücklich. Wenn wir früh nicht aufstehen können, dann belastet uns etwas: Dann haben wir vielleicht eine Depression, dann sind wir vielleicht so nah am Burnout, dass wir einfach nicht mehr können – aber wir sind nicht faul. Und deswegen ist dieser Mythos von der sogenannten Trägheit – oder noch schlimmer: der Faulheit – einfach nicht nur ein Mythos, sondern ein gefährliches propagandistisches Narrativ. Und ich wehre mich entschieden dagegen: Jedes Leben eines jeden Menschen, aber auch eines jeden Tieres ist wertvoll!

Und jemanden zu zwingen, wieder „in Lohn und Brot“ zu kommen, sich wieder „einzugliedern“, ist der falsche Weg. Wir haben also sehr viele Begriffe, die darauf hindeuten, dass wir nur dann Menschen anerkennen, wenn sie irgendwie einen produktiven Mehrwert erbringen – vor allem im Sinne von physischer Arbeit, so wie das am Fließband passiert ist oder wie das im Ruhrpott damals war: Malochen, als die Bergarbeiter die Kohle abgebaut haben oder als die Stahlkocher das Eisen geschmolzen haben. Das sind Malocher, die sind fleißig, da geht es voran.

Also wir brauchen ein neues Menschenbild. Verabschiedet euch von dieser Idee, dass es Faule oder Fleißige gibt. Es gibt nur Menschen, und die sind weder faul noch fleißig: Wir sind glücklich oder unglücklich. Wir sind müde oder ausgeschlafen. Wir sind gut gelaunt oder schlecht gelaunt. Das sind Zustände, die wir alle durchlaufen, unabhängig davon, wo wir stehen in der Gesellschaft, auf welcher Stufe, in welcher Klasse wir uns bewegen. Hört auf mit diesen Narrativen, die uns klassifizieren je nach unserem Wert. Wir brauchen einen neuen Ansatz – hier einen menschlichen Ansatz.

Zum Mitdenken

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