0 Grad auf der Forza 750 nach Borna: Warum auch soziale Vereine nach dem Gig-Economy-Prinzip funktionieren
Heute war ich unterwegs auf meiner Forza 750. Ich habe auf das Thermometer geschaut, es waren 0 Grad, deswegen musste ich mich entsprechend anziehen. Das hat etwas gedauert. Ich war voller Energie und voller Tatendrang, um meinen Auftrag als Sprachmittler im Jobcenter in Borna heute anzutreten. Und ich war davon ausgegangen, dass dieser Auftrag drei Stunden dauert, von 9 bis 12 Uhr, weil vor einigen Tagen hatte ich einen ähnlichen Auftrag und da war die Zeit ab 9 Uhr. Und ich hatte mich damals noch gewundert, warum das Jobcenter in Borna erst 9 Uhr öffnet, während das Jobcenter in Leipzig schon um 8 Uhr öffnet. Und ich kann mich erinnern: In Borna war das wirklich so vor einigen Tagen, dass erst Punkt 9 Uhr die Türen sich öffneten, um auf die Gänge zu den Räumen zu gelangen.
Und als ich jetzt zehn vor neun von meiner Forza abgestiegen bin und auf mein Handy geschaut habe, sah ich, dass ich mehrere Anrufe hatte bereits von SprInt, meiner Auftraggeberin, dem Projekt des RAA Vereins Sachsen. Und außerdem hatte ich eine E-Mail, wo drin stand, dass der heutige Auftrag storniert wurde wegen Nichterscheinens. Und sofort habe ich natürlich meinen Fehler erkannt: Ich habe die Uhrzeit, die Startuhrzeit verwechselt. Der Auftrag begann heute nicht um 9 Uhr, sondern bereits um 8 Uhr, und es wären also vier Stunden gewesen. Für mich in meiner jetzigen Situation sehr wichtig, eine sehr wichtige Einnahmequelle, weil aktuell tatsächlich SprInt eigentlich die einzige Einnahmequelle noch ist, die ich jetzt im Moment noch habe. Deswegen ist das natürlich für mich ein großer Verlust.
Und als ich dann anrief und mit SprInt Rücksprache hielt, teilte SprInt mir mit, dass es zu spät sei, dass sie bereits sehr viel Aufwand betrieben hätten, um einen Ersatzkollegen heute nach Borna zu schicken, und dass ich jetzt wieder unverrichteter Dinge meine Heimreise aus Borna nach Leipzig antreten darf. Und natürlich schwang in dem kurzen Telefonat der Frust bei SprInt mit, weil es verständlicherweise nicht gut ist in Bezug auf deren Auftraggeberinnen – und dazu gehört natürlich das Jobcenter, das ist eine der wichtigsten Auftraggeberinnen. Es kommt also nicht gut an, wenn die eingesetzte Kraft, in diesem Falle ich, nicht erscheint und auch nicht erreichbar ist. Also hier kommt natürlich noch dazu, dass ich auf dem Motorrad keine Freisprechanlage habe und telefonisch nicht erreichbar bin.
Und zunächst war das für mich erstmal ein herber Rückschlag, weil für mich SprInt eben noch diese letzte Einnahmequelle ist. Dann aber habe ich überlegt: So groß ist der Unterschied jetzt nicht mehr. Also so einen großen Unterschied macht es jetzt nicht, weil das Endergebnis wird sich nicht ändern. Das Endergebnis ist, dass die Aufträge für Russisch bald verschwinden und ich dann keine Einnahmequelle mehr habe – und ich natürlich auch für SprInt letzten Endes eine Nummer bin. Ich bin ein Niemand. Das werden sie jetzt nicht gern hören, weil sie natürlich beim RAA ganz sozial sind und ganz fortschrittlich und menschenorientiert. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass auch SprInt nach dem Gig-Economy-Prinzip arbeitet und dass ich keinerlei Informationen habe, ob es weitergeht, wie es weitergeht. Es gibt keinerlei Rückkopplungen. Ja, es gibt einige wenige sogenannte Weiterbildungsseminare – das ist schon sehr viel wert natürlich im Vergleich, also es gibt ein paar Seminare pro Jahr, die man belegen muss –, aber das war’s. Und bei diesen Seminaren: Die sind zwar punktuell interessant, aber danach passiert nichts weiter. Es gibt keinerlei Austausch, null. Es gibt dann lediglich eine Jahresendveranstaltung, wo etwa 30 Personen von den 150 oder wie viel insgesamt sich zusammenfinden und dann plauschen, Smalltalk machen, aber eben nicht darüber sprechen, ob es weitergeht, wie es weitergeht, ob es eine Beteiligung gibt, ob man Mitspracherecht hat. All das ist nicht vorhanden.
Und deswegen bin ich jetzt nicht so super traurig, dass ich jetzt die vier Stunden für mich habe und in meine Zukunft investieren kann, weil das System eh dem Ende sich neigt. Und natürlich die Personen – diese Jobcenter-Kundinnen heute, die die Sprachmittlerdienstleistung brauchen –: Ja, es geht am Ende vor allem wiederum darum, sie in Jobs zu bringen, die eigentlich nicht vorhanden sind. Also es gibt immer weniger Jobs. Ich höre das immer häufiger auch von den Mitarbeitenden in öffentlichen Einrichtungen, dass der sogenannte Arbeitsmarkt sich nicht erholt, dass es schwieriger wird, dass immer mehr Branchen wegbrechen. Ja, also auch Branchen, die bis vor zwei, drei Jahren noch als zukunftsorientiert und nachgefragt galten, wie zum Beispiel Elektroniker, Fachelektroniker, Fachinformatiker – all das ist eigentlich jetzt passé, das ist vorbei, und dieser Prozess wird sich enorm beschleunigen.
Und ich bin hier wieder bei der Wahrhaftigkeit, bei der Ehrlichkeit, und spreche aus, was ich sehe, und ich halte nicht hinter dem Berg. Ich habe keine Angst, dass ich jetzt abgestraft werde mit noch weniger Aufträgen – also noch weniger Aufträge, als ich jetzt habe, kann ich eigentlich kaum bekommen. Das ist dann quasi null. Das sind null Aufträge. Darauf wird es hinauslaufen, und dann wird niemand von SprInt sagen: „Oh, Torsti, du hast ja viel geleistet! Du hast dich engagiert bei uns seit drei Jahren, du warst in vielen Einrichtungen, wir haben fast ausschließlich positives Feedback für dich bekommen, und jetzt haben wir für dich folgende Perspektive: Wir würden gerne deine Erfahrungen uns anhören, deine Vorschläge – wie meinst du, wie könnten wir jetzt gemeinsam die nächsten Projekte angehen?“ All das ist eine Illusion, das wird nicht stattfinden.
Und deswegen bin ich heute an diesem Tag – ich stehe jetzt hier in Borna, die Sonne scheint –: Vielleicht war das ein Zeichen. Vielleicht sollte es so sein, weil heute werde ich mich noch intensiver um meine Website kümmern und werde sie voranbringen. Das ist tatsächlich eine Investition in die Zukunft, das bringt unsere Gesellschaft weiter, das gibt mir Flow – und deswegen war das am Ende ganz gut so, dass ich heute die Anfangszeiten verwechselt habe.