Thought #291
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Verschwendetes Steuergeld im Amt

Anti Hustle Club
AVGS-Coaching
Bullshit Jobs

Bürokratische Aktivierungsgutscheine und veraltete Träger schaffen oft mehr Frust als Perspektiven – besonders bei Geflüchteten. Wenn öffentlich finanzierte Kurse Menschen entmutigen, statt sie zu stärken, verbrennen wir Steuergelder für verkrustete Strukturen.

Ich möchte diesen Eintrag positiver gestalten, weil es geht um das sogenannte arbeitsmarktpolitische Instrument, und zwar nennt sich das AVGS – und AVGS steht für Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein. Und es gibt hier zwei Seiten der Medaille, wie so oft im Leben.

Zunächst mal die positive: Ich habe das erste Mal mit diesem Instrument Erfahrung gesammelt 2017, 2018 oder 2019 in etwa, als ich bei einem Bildungsträger mit dem Namen Robotron Bildung in der Niederlassung Döbeln den Alexander Kühler kennengelernt habe. Alexander Kühler – ganz kurz – ist aus den alten Bundesländern zu uns gekommen, schon nach der Wende, und hat dann auch bis jetzt als freiberuflicher Trainer, Dozent und Lehrkraft für Bildungsträger gearbeitet und hatte schon Erfahrungen mit AVGS. Er hat mich angesprochen und hat mich gefragt, ob ich Englisch kann, ob ich in der Lage bin, in englischer Sprache Menschen am Telefon zu helfen, wieder beruflich Fuß zu fassen. Und ich habe das bejaht. Ich habe dann mit einem Unternehmen einen Vertrag abgeschlossen – das Unternehmen hat sich spezialisiert auf AVGS-Coachings bundesweit, vor allem auch online, aber auch vor Ort.

Und dann hatte ich tatsächlich zwei oder drei Klientinnen. Eine Vietnamesin in Berlin – und das war nicht ganz so einfach. Das war eine große Herausforderung, weil ich kein Vietnamesisch spreche und deswegen über ihre Tochter kommunizieren musste. Die Tochter hat also gedolmetscht für ihre Mutti, und da ging es vor allem darum, dass die Mutti schrittweise herangeführt wird an digitale Tools: also die Basics, wie bediene ich Windows, wie bediene ich eine Benutzeroberfläche, wie öffne ich eine E-Mail, wie schreibe ich die und so weiter. Und das war natürlich eine Herausforderung, weil ich nur das Telefon zur Verfügung hatte, weil die Klientin zwar einen Internetanschluss hatte, aber eben nicht vor Ort, und die Tochter immer nur kurz bei ihrer Mutti war und es deswegen nicht möglich war, mit ihr wenigstens per Videokonferenz zu kommunizieren. Nichtsdestotrotz: Wir haben gut am Ende zusammengearbeitet. Die Mutti ist so weit fit geworden, dass sie zumindest die Basics beherrscht – vielleicht kann sie mittlerweile auch Texte selbst schreiben, selbst verfassen. Das war also das Ziel bei meiner ersten AVGS-Coaching-Klientin.

Der zweite Kunde, den ich hatte, da war das nicht ganz so glücklich gelaufen. Das war ein Mensch, glaube ich, aus Ost-Berlin, etwa in meinem Alter. Der war sehr erbost, weil er nicht eingesehen hat, dass das Jobcenter ihm keinen neuen Computer finanziert. Also das war eigentlich nicht der Gegenstand meines Coachings, sondern eigentlich ging es darum, ihn wieder fit zu machen für den Arbeitsmarkt, ihn darauf vorzubereiten, dass er Bewerbungsgespräche führt und vorher natürlich Bewerbungen schreibt. Er ist aber sofort damit eingestiegen, dass er seinen Frust bei mir abgeladen hat und mir erklärt hat, dass er mehrere Anträge gestellt hätte auf die Finanzierung eines neuen PCs, dass er den unbedingt bräuchte, um weitermachen zu können, und dass er nur eine ganz alte Windows-Maschine noch hat – und ja auch regelmäßig Spiele spielt und dafür einen neuen Computer braucht und so weiter. Also das war sehr schwierig mit ihm, und es war immer nur telefonisch möglich, und er wurde auch sehr schnell ausfällig. Deshalb musste ich dann zurückspiegeln an den Alexander Kühler, dass es nicht so erfolgreich war, und er meinte sofort: „Ja, das wissen wir leider. Dann müssen wir das weitergeben an das Jobcenter, und das Jobcenter muss dann weitere Maßnahmen einleiten.“ Und das war sozusagen meine erste Runde als AVGS-Coach.

Und die zweite Runde war etwas intensiver. Die begann im Jahre 2025 im Sommer, als ich mich erinnerte, dass ich ein paar Jahre vorher beim Dolmetschen für ukrainische Geflüchtete den Vadym Nastasyuk kennengelernt hatte und er mir damals schon anbot, für sein Unternehmen zu arbeiten – für Ancora Coaching. Und ich ging dann also auf sein Angebot ein, und er hat mir dann mehrere Geflüchtete aus der Ukraine als Klientinnen übergeben, mir den Auftrag gegeben, dass ich mit ihnen 80 UE – also 80 Unterrichtseinheiten, 80 Stunden – intensiv verbringen kann im Einzelgespräch, um sie auf dem Weg zu begleiten, den sie hier in Deutschland beschreiten. Und das war sehr intensiv, sehr facettenreich, sehr positiv, weil ich die Möglichkeit hatte, sehr nahe zu erfahren, was Menschen aus der Ukraine denken, wie sie sich hier fühlen, welche Ängste sie haben, welche Hoffnungen, welche Wünsche.

Und ich bin in dieser kurzen Zeit mit sehr interessanten Menschen zusammengekommen. Da war meine erste Klientin in Halle, die Frau Svitlana Blaga, die ihres Zeichens Rechtsanwältin ist. Und sie hat mir berichtet, dass es in der Sowjetunion eine Ausnahme war, dass sie Jura studieren durfte und dann eine Lizenz bekam als Rechtsanwältin, weil es in der Sowjetunion für Frauen nicht üblich war, in diesem Beruf zu arbeiten. Und ich fand es so spannend, mich mit dieser Frau auszutauschen, weil sie sehr dankbar war mir gegenüber. Obwohl sie bereits auf jeden Fall das Sprachniveau B1 erreicht hatte, haben wir trotzdem zu Anfang zumindest auf Russisch kommuniziert. Interessanterweise hat sie oftmals begonnen, Ukrainisch zu sprechen, und hat dann wiederum geschaltet ins Russische. Und ich habe ihr gesagt: „Sie können gerne Ukrainisch weitersprechen, ich möchte auch gerne etwas mehr Ukrainisch lernen.“ Und sie hat mir erklärt, dass sie seit einigen Jahren jetzt vor allem auf Ukrainisch kommunizieren muss, weil sie als Rechtsanwältin natürlich gesetzlich dazu verpflichtet ist, weil die Ukraine jetzt Ukrainisch als Staatssprache und vor allem vor Gericht nur Ukrainisch anerkennt und sie natürlich Dokumente nur noch auf Ukrainisch verfasst.

Und sie hat mir dann berichtet, dass sie nach wie vor Fälle vor Gericht noch verhandelt. Und da war ich sehr erstaunt! Ich habe gesagt: „Wie machen Sie das?“ Und sie hat gesagt, dass es in der Ukraine möglich ist, alles elektronisch, alles digital, sämtlichen Schriftverkehr digital rechtssicher abzuwickeln, und dass sie deshalb noch Fälle betreut, die sie vor der Flucht angenommen hat, und jetzt weiterhin aus Halle vor dem Gericht in Charkiw – das ist ihre Heimatstadt – verhandelt. Und das ist natürlich super interessant, weil das Jobcenter das erlaubt: Das Jobcenter sagt, ja, natürlich darf sie weiterhin diese Tätigkeit ausführen als Rechtsanwältin. Das Einzige, was sie natürlich nicht darf – logischerweise –, ist, dass sie in Deutschland Mandantinnen berät zu Fällen, die in Deutschland vor Gericht verhandelt werden.

Ja, also ich glaube, ich habe Svitlana Blaga ein ganzes Stück begleitet auf ihrem Weg in die deutsche Gesellschaft. Wir haben uns das letzte Mal, ich glaube, im August oder vielleicht September 2025 gesehen – das heißt vor über einem Jahr –, und ich hoffe, es geht ihr gut und sie hat ihren Weg gefunden.

Zum Mitdenken

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