Thought #438

Etwas erschaffen, das größer ist als man selbst – Von Steven Pelcman in Halle bis UNO.TEAM

Steven Pelcman
Halle (Saale)
Generationen

Ich denke jetzt darüber nach, wie ich die About-Page erweitern kann. Weil eine zentrale Frage natürlich ist: Was genau ist der Purpose, was genau ist das Ziel von UNO.TEAM? Es muss ja eine Berechtigung, eine Daseinsberechtigung für dieses Projekt und für diese Website geben. Und in diesem Zusammenhang ist mir immer wieder noch mehr bewusst geworden, dass ich – wahrscheinlich auch vor allem im Unterbewusstsein – schon ziemlich lange versuche, etwas zu erschaffen, was größer ist als ich und was irgendwann ohne mich auch existieren kann und weiter wächst. Und ich habe dafür verschiedene Projekte mehr oder weniger erfolgreich an den Start gebracht. Eins davon war English-Team und natürlich dann etwas später English-Test.net.

Und mir ist jetzt wieder in die Erinnerung gekommen: all die Erlebnisse, die positiven, die ich hatte ab Sommer 1999 durch die Begegnung mit Steven Pelcman. Und jetzt nach so vielen Jahren ist mir plötzlich klar, dass Steven Pelcman eine der wenigen Personen ist, die mein Ziel und meinen Wunsch, mein Bestreben, etwas Größeres als ich selbst bin zu erschaffen, stark geprägt haben. Und wenn ich jetzt analysiere, dann sehe ich, dass Steven bereits erreicht hat, was ich noch vorhabe. Also Steven Pelcman, glaube ich, ist etwa 22 Jahre älter als ich. Das heißt, er ist schon in einer Lebensphase, in der sich eine Person schon intensiv auch auf den Tod vorbereitet tatsächlich. Und als wir uns begegnet sind, kann ich mich erinnern, ist Steven gerade 50 geworden. Wir haben uns in Halle an der Saale kennengelernt, und viele seiner Aussagen, seiner Sätze sind bis heute noch in meinem Gedächtnis haften geblieben.

Eines dieser Zitate von Steven Pelcman ist, als wir uns unterhalten haben über die Unterschiede zwischen seiner Heimatstadt New York und Halle an der Saale, hat er es auf den Punkt gebracht, indem er sagte: „Halle is a hard city.“ Aber er meinte das etwas ironisch natürlich, aber auch eher positiv. Also er hat auf jeden Fall auch die positiven Aspekte gesehen in der Stadtentwicklung von Halle.

Und ich habe jetzt die letzten Stunden in Ruhe nachts nachgedacht, welche Begegnungen und welche Erlebnisse ich denn hatte mit Steven Pelcman, und ich habe festgestellt, dass es unglaublich viele nützliche, positive Dinge waren, die ich mitgenommen habe. Und ich habe so diese Vorstellung, dass es super wäre, wenn ich einfach ein Kabel an meinen Kopf stecken könnte und dann all diese vielen Erinnerungen und diese Informationen und diese Erfahrungen downloaden könnte beziehungsweise in die Cloud verschieben könnte. Und ich bin auch wieder bei Yuval Harari, der sagt, dass es gar nicht ausgemacht ist, dass wir nur dann denken können, wenn wir auch die Sprache dafür haben. Weil ich habe mich jetzt an viele Details erinnert, die ich erlebt habe in der Interaktion mit Steven Pelcman, und merke aber jetzt, wenn ich all diese Details übertragen will, verschriftlichen will, dass mir das nicht ohne Weiteres gelingt, weil ich mich dann stärker konzentrieren muss und formulieren muss. Also offensichtlich gibt es auch Gedanken, die nicht alle ausformuliert sind und trotzdem irgendwie, wenn wir denken, für uns Sinn ergeben.

Das heißt, ich werde jetzt die nächsten Tage gemeinsam mit meinen Unterstützerinnen, Claude Terminal und vielleicht auch Antigravity, versuchen, möglichst viele Details zu extrahieren und sie wieder dann zusammenzupuzzeln, um sie mit Menschen zu teilen, die davon profitieren und wachsen können.

Kennengelernt habe ich Steven 1999, weil ich damals begonnen habe, als freiberuflicher Dozent – so wie man das damals nannte – Englisch zu unterrichten bei Erwachsenen in sogenannten Bildungsmaßnahmen, Trainingsmaßnahmen, wie auch immer, organisiert von der Arbeitsagentur und später vom Jobcenter. Wobei ich hier anmerken möchte, dass ich weder den Begriff „Dozent“ mag noch „unterrichten“, weil für mich gibt es kein Unterrichten, aber das ist jetzt nur mal so nebenbei.

Steven Pelcman seines Zeichens ist ein intellektueller Akademiker aus New York, der damals in den 90er Jahren seine zukünftige Frau, die Sabine Pröschel, kennengelernt hat in New York, und die beiden haben dann entschieden, nach Deutschland überzusiedeln und in Halle an der Saale ein Unternehmen zu gründen, welches immer noch existiert als GmbH, und zwar ELT – English Language Trainers. Und die beiden haben damals eine Annonce geschaltet und gesucht. Ich habe mich gemeldet, sie haben mich eingeladen zu einem Vorstellungsgespräch, was natürlich auf Englisch erfolgte, und mein Englisch damals ließ etwas zu wünschen übrig. Und das haben sie mir auch zu verstehen gegeben, aber in sehr positivem Sinn: Das heißt, sie haben anerkannt, dass ich mich der Aufgabe gestellt habe, obwohl in der Ausschreibung stand, dass sie Native Speakers suchen. Und sie haben mir die Chance gegeben, das war entscheidend. Und sie haben mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich eigentlich diesen Job nicht ausfüllen kann, sondern sie haben mir gesagt: „Hey, du hast das Potenzial, wir geben dir eine Chance. Wir erkennen an, dass du offensichtlich noch nicht so viel Möglichkeiten hattest, Englisch zu lernen. Du warst noch nie in einem englischsprachigen Land, und unter diesen Voraussetzungen, unter diesen Bedingungen hast du schon ein gutes Niveau erreicht.“ Das war der Einstieg. Das war der Beginn einer produktiven, freundlichen, positiven Business-Beziehung.

Was mir aufgefallen ist von Anfang an, ist, dass die beiden trotz ihres für damalige Verhältnisse ziemlich großen Altersunterschiedes sehr gut harmoniert haben, dass sie auf Augenhöhe waren und dass es eben nicht ein Sugar-Daddy-Verhältnis war, was manche Deutsche in ihrem Umfeld vielleicht andeuten wollten. Ich habe das überhaupt nicht so empfunden. Ich habe sie erlebt als sehr wertschätzend gegenüber einander, und sie waren, glaube ich, auch von Anfang an – das war zumindest mein Eindruck – sehr harmonisch unterwegs, wenn es darum ging, ihre Firma aufzubauen. Was ja unglaublich schwierig war, weil sie alles aus eigenen Mitteln bestritten haben und sie hatten keine großen Summen, um zu investieren, und haben es aber trotzdem geschafft, in Halle als Außenseiterinnen ein neues Unternehmen in dem Bereich English Language Training zu etablieren. Und das, obwohl es schon die Platzhirsche wie zum Beispiel Berlitz oder auch Inlingua gab, beziehungsweise andere große Bildungsträger, andere große Language Schools waren bereits da. Und sie haben es geschafft, mit einem neuen Konzept ihren Markt zu finden. Und das war vor allem natürlich auch der Erfahrung von Steven zu verdanken, aber gleichzeitig hat es auch die weibliche Führungsrolle von Sabine Pröschel gebraucht.

Was mir also sehr gut gefallen hat von Anfang an, war, dass sie ein internationales Team hatten, was zu 99 Prozent aus Native Speakers bestand. Sie hatten den Donnell, einen Iren, der der Trainer’s Trainer war, der uns sehr effiziente Methoden an die Hand gegeben hat, wie wir mit den Gruppen arbeiten konnten. Und was mich auch sehr beeindruckt hat, war, dass Steven selbst unterrichtet hat. Er selbst ist in die Gruppen gegangen, und diese Gruppen waren nicht leicht: Das waren arbeitslose Ostdeutsche, vor allem männliche Personen, die aus verschiedensten Gründen Steven auch abgelehnt haben. Also einer der Gründe war, dass damals die US-Administration sehr negative Entscheidungen getroffen hat und Steven sich immer erklären musste und sich entschuldigen musste für die Politik seiner Regierung, obwohl er damit überhaupt nicht einverstanden war. Der nächste Angriffspunkt gegenüber ihm war, dass in Halle in den 90er Jahren – egal woher die Person kam – man verlangt hat, dass sie Deutsch sprach, und für Steven war es natürlich schwierig, da er kein Deutsch gelernt hatte. Deswegen hat er natürlich vor allem immer Englisch gesprochen.

Und ich kann mich erinnern: Wir haben mehrere Gruppen gemeinsam mit ihm unterrichtet, also immer im Tandem, immer abwechselnd. Und dann waren wir bei der Verabschiedung der einen Gruppe, und wir sollten dann jeder kurz sprechen. Und der Bildungsträger hat mehr oder weniger von uns verlangt, dass wir Deutsch sprechen. Und Steven hat natürlich gesagt: „Okay, I’m going to speak English – surprise, surprise!“ Und es geht doch darum, Englisch zu lernen, und da war es doch wichtig, dass wir Zugang zu Native Speakers hatten, um auch deren Kultur, deren Mentalität, deren Ideen aufzunehmen, deren Werte. Also da fand ich sehr schade, dass vor allem auch der Bildungsträger eher negativ gegenüber Steven aufgetreten ist, er sich das aber andererseits überhaupt nicht hat anmerken lassen. Er ist da sehr professionell und souverän damit umgegangen, und das hat mir sehr imponiert. Auch seine Art und Weise, seine Gedanken zu formulieren: Ich habe gespürt, dass er die Fähigkeit hat, auch schriftlich natürlich sich sehr elegant, effizient und angenehm auszudrücken und auch dieses Wissen weiterzugeben. Und er hat viel Zeit mit mir verbracht und hat mich gesehen als seinen Mentee, und ich habe sehr viel gelernt von ihm.

Ja, ich habe dann ziemlich schnell die ersten Aufträge von den beiden bekommen, und es war immer eine positive Zusammenarbeit. Die meisten Gruppen haben mich positiv bewertet – bis auf einmal, ich kann mich erinnern, da war eine Gruppe in Merseburg, glaube ich, irgendwie IT-Leute, vor allem männliche. Und das war mal eine Ausnahme, weil dort haben Steven und Sabine zwei Deutsche eingesetzt, also einen anderen deutschen Kollegen, der etwas jünger war, glaube ich, noch als ich – ich war Ende 20 und er war vielleicht so Mitte 20 – und mich. Und am Ende durfte die Gruppe dann uns bewerten, und Steven meinte dann: „Okay Torsten, they rated the other trainer a bit higher than you, but that’s fine.“ Aber dann war es trotzdem sehr positiv. Steven hat sogar mir angeboten, möglicherweise auch bei Firmen wie Dow Chemical oder Siemens Aufträge – also für ihn als Sub sozusagen – zu übernehmen. Allerdings war wirklich damals die Firmenpolitik so, dass die Voraussetzung, um dort eingesetzt werden zu dürfen, war, dass man Native Speaker war. Und das erkenne ich an, das verstehe ich. Also ich selbst wollte damals auch nur mit Native Speakers zu tun haben und von denen lernen und nicht von deutschen Lehrkräften, deswegen habe ich das völlig akzeptiert und war fein damit. Ja, ich kann mich auch erinnern, es gab eine Weihnachtsfeier, die von ELT Language Trainers organisiert und finanziert wurde in Halle, sehr positiv. Wir hatten sehr gute Stimmung, wir waren beim Griechen – das war im Dezember 1999! Ewig lange her, und ich erinnere mich noch sehr gern daran.

Steven hat zum Beispiel auch davon gesprochen, wie man ein Business organisiert, und da war etwas, was sehr eindrücklich für mich im Gedächtnis geblieben ist. Er hat gemeint: „Hey Torsten, do you think you can make a burger the same quality as McDonald’s?“ Ich sagte: „If I have all the ingredients, I probably can.“ Und er sagte: „Yes – but can you replicate the system?“ Also was er damit andeuten wollte, war eben, dass es ein Unterschied ist, ob man ein Produkt an sich reproduzieren kann oder ein gesamtes System. Und darauf hat er immer geschaut: Er hat immer systemisch gedacht, hat immer auch Methoden, Strukturen und Prozesse entwickelt und war damit natürlich weiter als all diese Bildungsträger.

Und er hat es eben auch geschafft bei den Köhlis – das war damals, glaube ich, der Einstieg für ihn: Professor Köhli und Karin Köhli, das Ehepaar, welches sich ein Imperium in Halle und Umgebung und in Sachsen-Anhalt geschaffen hat mit einem Bildungsträger mit dem Namen BBI (Bildungs- und Beratungsinstitut). Ich glaube, mittlerweile haben sie das Unternehmen verkauft. Und er hat mit Köhli vereinbart, dass Köhli es ihm erlaubt, dass Steven und Sabine Subunternehmerinnen beauftragen – also uns. Weil das war damals eigentlich nicht etabliert, das war eigentlich nicht vorgesehen, dieses Modell. Und es hat aber sehr gut funktioniert, weil die beiden eben nicht einfach nur eine Art Dozentenvermittlung angeboten haben – weil die gab es: Es gab BDM (Bildung und Dienstleistungen Mischke, Monika Mischke), die hat quasi nur die Kontakte weitergereicht und hat Knebelverträge abgeschlossen, die es uns nicht erlaubten, direkte Verträge einzugehen mit den Bildungsträgern. Sabine und Steven haben ein anderes Konzept etabliert: Sie haben ein System mitgebracht, in dem auch die Trainerinnen weiterentwickelt wurden, sich als Team finden konnten, Wissen, Erfahrungen, Ideen und Materialien austauschen konnten und somit sich auch weiterentwickeln und wachsen konnten. Es gab also eine Verbindung unter uns ELT-Trainerinnen, und es war auch fair, was Sabine und Steven weitergegeben haben an Honorar: Das heißt, den größten Teil des Honorars haben wir Trainerinnen erhalten, zusätzlich zu all dem internen Coaching. Deswegen war das insgesamt eine Win-Win-Situation, die die beiden geschaffen haben, und das Unternehmen existiert ja heute noch mit Sabine Pröschel als geschäftsführender Gesellschafterin.

Und ich kann mich erinnern, es gab eine Episode: Ich hatte damals auch in Leipzig schon begonnen, so mein eigenes Team aufzubauen – English-Team, ganz langsam – und habe da Kontakte gehabt zu Native Speakers, unter anderem zu Doug. Und ich habe Doug meine Philosophie, meinen Ansatz von English-Team erläutert, und er meinte so: „Hey Torsten, I’m not interested in this team bullshit, I just want the job. I know what I can do, people will be happy with me.“ Und ich habe dann Doug weitervermittelt auch an Steven, habe ihm den Kontakt gegeben, und die beiden haben sich getroffen. Und danach hat Steven gemeint: „Thanks for sharing the contact for Doug with me. We are the English Language Trainers company – we’re not looking for cowboys! Doug is a cowboy.“

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