Warum ich keine Website-Baukästen und keine Scrum-Agenturen mehr brauche: Als Regisseur mit Gemini und Claude Code im eigenen Terminal
Dies ist der dritte Teil einer kleinen Reihe. In Thought #174 ging es um die Consul-Schreibmaschine meines Vaters und den Zehnfinger-Kurs in Olbernhau. In Thought #175 um SELFHTML, english-test.net und die Zehntausende Euro, die ich über die Jahre an Agenturen und Freelancer gezahlt habe. Heute erzähle ich, was an einem einzigen Tag auf meinem Chromebook passiert ist – und warum ich diese Umwege nicht mehr brauche.
Die gemieteten Baukästen
Webflow, Wix, Squarespace, Webador, 1&1 IONOS – die Versprechen klingen alle ähnlich: Website ohne Code, in wenigen Minuten online. Auch uno.team lief bis Ende Oktober 2026 auf Webflow. Was ich dabei erlebt habe: Unter der hübschen Oberfläche entsteht eine Suppe aus verschachtelten <div>-Containern, generierten Klassennamen und Skripten, die auf jeder Seite mitgeladen werden, ob man sie braucht oder nicht. Man darf nur das, was der Baukasten vorsieht. Und wer gehen will, merkt schnell, wie wenig ihm eigentlich gehört: Die Inhalte stecken im System, die Struktur im Template, die Rechnung kommt jeden Monat.
Das ist keine Souveränität. Das ist Miete.
Die Reibung der Agenturen
Der andere Weg, den ich kenne, ist die Agentur mit Scrum-Team. Ein Relaunch wie der, den wir in diesen Tagen gemacht haben – neue Startseite, neue About-Seite, neu aufgebautes Archiv, Verknüpfungen zwischen über vierhundert Gedanken in zwei Sprachen –, hätte dort leicht 20.000 Euro und mehr gekostet. Verteilt auf Wochen voller Jira-Tickets, Sprint-Plannings und Abstimmungsrunden. Und irgendwo zwischen meinem Gedanken und dem fertigen Code wäre, wie ich es bei english.best erlebt habe, ein Teil der ursprünglichen Idee verloren gegangen.
Was heute passiert ist
Heute saß ich an meinem Chromebook, im Linux-Terminal. Wir haben in einem Dreieck gearbeitet, das ohne Reibung auskommt:
- Ich führe Regie. Ich habe die Vision, ich entscheide, was entsteht und was nicht.
- Gemini ist mein Projektmanager und Denkpartner. Mit ihm sortiere ich Gedanken, formuliere Aufgaben und prüfe, ob das Ergebnis noch zu dem passt, was ich eigentlich wollte.
- Claude Code setzt um – direkt im Terminal, mit Python 3 und schlankem, schnellem HTML, CSS und JavaScript. Es liest die Dateien, schreibt Skripte, testet, baut die Seiten neu und stellt sie live.
Keine Ego-Kämpfe. Keine schlechte Laune. Kein „das steht nicht im Ticket“. Ich habe an jeder Stelle die volle Kontrolle, sehe jeden Schritt und kann ihn anhalten, korrigieren oder verwerfen. Und nebenbei lerne ich mehr als in jedem Kurs: Warum eine Weiterleitung einen Sprung braucht und nicht drei. Was ein Canonical-Tag ist. Wie man eine Seite so baut, dass sie auch auf einem schwachen Handy sofort lädt. Dieses Lernen im Vorbeigehen ist unbezahlbar.
Wie schnell sich das alles bewegt
Die Werkzeuge verändern sich gerade im Monatstakt. Ein Agent, der im Terminal arbeitet, liest gezielt nur die Dateien, die er braucht, und führt Befehle aus, statt seitenlange Erklärungen zu produzieren – das spart Zeit und Tokens. Wer dagegen jedes Mal alles in ein Chatfenster kopiert, bläht den Kontext auf und bezahlt dafür. Und es kommen weltweit immer neue Modelle dazu, die die Kosten weiter nach unten drücken werden. Was heute noch ein paar Euro kostet, wird morgen wohl Cent-Beträge kosten.
Was Souveränität für mich heißt
Digitale Souveränität heißt für mich nicht, jede Zeile selbst zu tippen. Sie heißt: Der Code gehört mir. Er liegt in offenen Dateien auf meinem Rechner, ich kann ihn lesen, kopieren, sichern und überall hosten. Keine gemieteten Templates, kein Anbieter, der morgen die Preise erhöht oder eine Funktion streicht.
Der Junge, der in Olbernhau zwischen den Sekretärinnen tippen gelernt hat, sitzt heute wieder an einer Kommandozeile. Nur dass auf Bad command or file name jetzt jemand antwortet, der mitdenkt – und am Steuer sitze trotzdem ich.
Was diese Verschiebung für die Machtverhältnisse in der Web-Branche bedeutet – für Agenturen, das Scrum-Universum und die Menschen, die dort arbeiten –, erzähle ich im vierten Teil, Thought #431.
🤖 Reflexions-Quiz zu Thought #430
Drei Fragen zum Weiterdenken. Wähle eine Antwort – danach bekommst du eine Erklärung und einen Impuls zur Selbstreflexion.
- Welche drei Rollen gibt es in dem „Dreieck“, in dem Torsten heute an uno.team gearbeitet hat?
A) Kunde, Agentur und Scrum-Master.
B) Torsten führt Regie, Gemini ist Projektmanager und Denkpartner, Claude Code setzt im Terminal um.
C) Webflow entwirft, Wix hostet, Torsten bezahlt.
D) Gemini programmiert, Claude Code entscheidet, Torsten testet. - Was stört Torsten an Website-Baukästen wie Webflow oder Wix am meisten?
A) Dass sie zu wenige Farben anbieten.
B) Dass man dort zwingend programmieren muss.
C) Dass sie nur auf Englisch verfügbar sind.
D) Aufgeblähter Code aus verschachtelten divs, enge Grenzen und dass einem am Ende wenig selbst gehört – es ist Miete statt Souveränität. - Was bedeutet digitale Souveränität für Torsten?
A) Dass der Code ihm gehört – in offenen Dateien, die er lesen, sichern und überall hosten kann.
B) Dass er jede Zeile Code selbst tippt.
C) Dass er nur noch deutsche Software benutzt.
D) Dass er das teuerste Agentur-Paket bucht.