Thought #175
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Von SELFHTML und Spaghetti-Code zur eigenen digitalen Souveränität

1000 THOUGHTS
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UNO

In Thought #174 habe ich erzählt, wie ich in der 11. Klasse in Olbernhau das Zehnfingerschreiben gelernt habe und wie mir das Anfang der 1990er an den MS-DOS-Rechnern der Uni geholfen hat. Hier geht die Geschichte weiter – eine Geschichte über das Web, über teure Umwege und darüber, wie ich am Ende wieder bei mir selbst angekommen bin.

Windows 95 und SELFHTML

Mit Windows 95 kam das Internet in mein Leben. Ich arbeitete damals als freiberuflicher Dozent in der Erwachsenenbildung und wollte verstehen, wie Webseiten funktionieren. Mein Lehrbuch war SELFHTML von Stefan Münz – für eine ganze Generation im deutschsprachigen Raum der Einstieg ins Web. Dort habe ich nachgelesen, Tags abgetippt, ausprobiert, wieder verworfen.

Von english-online.de zu english-test.net

Mit Matthias Hanns habe ich auf english-online.de interaktive Tests in PHP gebaut. Später kam english-test.net. Den Programmierer dafür habe ich bei BWM in Leipzig-Plagwitz kennengelernt: Vyacheslav Gromov, genannt Slava, ein Autodidakt. Gemeinsam haben wir die Seite auf fünfstellige Besucherzahlen am Tag gebracht.

Technisch war das, ehrlich gesagt, Spaghetti-Code: rohes PHP, alles fest verdrahtet, Inhalt, Logik und Darstellung wild durcheinander – keine Spur von Separation of Concerns. Es lief. Aber jede Änderung war ein Risiko.

Teure Umwege

Also sollte alles neu werden. Über Upwork sollte der Entwickler Joel Millen die Seite für 10.000 Dollar auf Drupal neu aufbauen. Der Versuch scheiterte – mein Urteil damals in zwei Worten: shoddy design. Stabil wurde english-test.net erst mit der ukrainischen Agentur Zfort Group, die das Projekt auf PHP mit dem Yii-Framework umbaute. Danach habe ich die Seite verkauft.

Dann kam english.best: diesmal in Python, auf Google Cloud, mit einem Scrum-Team aus Belarus. Ich habe dafür zwischen 30.000 und 50.000 Euro ausgegeben. Was mich am meisten Kraft gekostet hat, war aber nicht das Geld, sondern die Reibung der Fernkommunikation: Anforderungen, die über Tickets und Meetings hin und her wanderten, bis vom ursprünglichen Gedanken wenig übrig war.

Danach habe ich mehrere Jahre Pause gemacht.

Der Kreis schließt sich

Im Herbst 2026 sitze ich wieder an einer Kommandozeile – diesmal im Linux-Terminal meines Chromebooks, zusammen mit Gemini und Claude Code. Und ich tippe mit denselben zehn Fingern, die ich mir in Olbernhau zwischen den Sekretärinnen antrainiert habe. So entsteht uno.team: ohne Agentur, ohne Mittelsmann, ohne Reibung zwischen dem, was ich denke, und dem, was am Ende online steht.

Für mich ist das digitale Souveränität: nicht, alles allein zu können, sondern die Werkzeuge so in der Hand zu haben, dass meine eigenen Gedanken den Weg bestimmen. Die KI schreibt mit – aber am Steuer sitze ich.

Wenn ich heute zurückschaue, waren die teuren Umwege nicht umsonst. Ich weiß jetzt, was eine saubere Architektur wert ist, was es kostet, wenn sie fehlt, und wie viel Freiheit darin liegt, die eigene Seite selbst zu verstehen.

Wie es weitergeht – was an einem einzigen Tag im Terminal mit Gemini und Claude Code entstanden ist und warum ich keine Baukästen und keine Agenturen mehr brauche –, erzähle ich im dritten Teil, Thought #430.

🤖 Reflexions-Quiz zu Thought #175

Drei Fragen zum Weiterdenken. Wähle eine Antwort – danach bekommst du eine Erklärung und einen Impuls zur Selbstreflexion.

  1. Was war das technische Grundproblem der frühen Version von english-test.net?
    A) Sie lief nur unter MS-DOS.
    B) Sie war Spaghetti-Code: rohes, fest verdrahtetes PHP ohne Separation of Concerns, sodass jede Änderung riskant war.
    C) Sie hatte zu wenige Besucher.
    D) Sie war komplett in Python geschrieben.
  2. Was hat Torsten bei english.best laut Text am meisten Kraft gekostet?
    A) Das Erlernen von Python.
    B) Die Hosting-Kosten bei Google Cloud.
    C) Die Reibung der Fernkommunikation, bis vom ursprünglichen Gedanken wenig übrig war.
    D) Die Suche nach einem Domainnamen.
  3. Was versteht Torsten am Ende des Textes unter digitaler Souveränität?
    A) Die Werkzeuge so in der Hand zu haben, dass die eigenen Gedanken den Weg bestimmen – die KI schreibt mit, aber er sitzt am Steuer.
    B) Alles ganz ohne Computer zu erledigen.
    C) Möglichst viele Agenturen gleichzeitig zu beauftragen.
    D) Jede Entscheidung der KI zu überlassen.
Zum Mitdenken

Was nimmst du aus diesem Gedanken mit?

Drei Wege von hier