Thought #174
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Von der Consul-Schreibmaschine in Olbernhau zur Kommandozeile

1000 THOUGHTS
Gerhard Därr
Thinking Patterns

Das erste Geräusch, das ich mit Schreiben verbinde, ist kein Stift auf Papier. Es ist das Klappern einer Schreibmaschine. Mein Vater schrieb für die Freie Presse, und er tat das auf einer Consul aus der Tschechoslowakei. Ich habe ihm als Kind oft dabei zugesehen, wie aus seinen Gedanken Zeile für Zeile ein Text wurde.

Der einzige Junge im Schreibmaschinenkurs

In der 11. Klasse habe ich mich dann für einen Kurs im Zehnfingerschreiben an der Volkshochschule Olbernhau angemeldet. Ich war der einzige Mann und der einzige Schüler im Raum – um mich herum saßen Sekretärinnen aus den Betrieben. Meine Mitschüler haben darüber gelacht.

Ich bin trotzdem drangeblieben: Finger auf die Grundreihe, Blick nach vorn, nicht auf die Tasten. Damals ahnte ich nicht, wie viel mir das einmal bringen würde.

Bad command or file name

Anfang der 1990er Jahre saß ich an der Universität vor den ersten PCs mit MS-DOS. Keine Maus, keine Fenster, nur ein blinkender Cursor. Wer dort einen Befehl falsch tippte, bekam gnadenlos die Antwort: Bad command or file name. Ein einziger Tippfehler, und nichts passierte.

Wer jede Taste einzeln suchen musste, hatte den Blick auf der Tastatur und musste danach prüfen, was eigentlich auf dem Bildschirm stand. Ich konnte blind schreiben. Meine Augen blieben auf dem Bildschirm, und mein Kopf blieb beim Denken. Das war ein riesiger Vorteil – nicht nur, weil ich schneller war, sondern weil zwischen Gedanke und Bildschirm nichts mehr im Weg stand.

Was ich daraus mitgenommen habe

Der Kurs, über den die anderen gelacht haben, war eine der besten Entscheidungen meiner Jugend. Er hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, etwas zu lernen, das nicht in die Rolle passt, die andere für einen vorgesehen haben. Und er hat mir ein Werkzeug gegeben, das bis heute trägt: zehn Finger, die schreiben, während der Kopf denkt.

Wie es mit diesen zehn Fingern weiterging – von SELFHTML bis zur Kommandozeile von heute –, erzähle ich in Thought #175.

🤖 Reflexions-Quiz zu Thought #174

Drei Fragen zum Weiterdenken. Wähle eine Antwort – danach bekommst du eine Erklärung und einen Impuls zur Selbstreflexion.

  1. Auf welcher Schreibmaschine schrieb Torstens Vater seine Texte für die Freie Presse?
    A) Auf einer Erika aus Dresden.
    B) Auf einer Olympia aus Westdeutschland.
    C) Auf einer Consul aus der Tschechoslowakei.
    D) Er schrieb nur mit der Hand.
  2. Was war am Zehnfinger-Kurs an der Volkshochschule Olbernhau besonders?
    A) Torsten war der einzige Mann und der einzige Schüler unter lauter Sekretärinnen – und seine Mitschüler lachten darüber.
    B) Der Kurs fand ausschließlich nachts statt.
    C) Man lernte dort nur mit zwei Fingern zu tippen.
    D) Der Kurs war Pflicht für alle Schüler der 11. Klasse.
  3. Warum war blindes Zehnfingerschreiben an den MS-DOS-Rechnern der frühen 1990er ein so großer Vorteil?
    A) Weil MS-DOS nur mit Schreibmaschinen funktionierte.
    B) Weil man damit Viren abwehren konnte.
    C) Weil Tippfehler unter MS-DOS keine Rolle spielten.
    D) Weil die Augen auf dem Bildschirm und der Kopf beim Denken bleiben konnten – und schon ein Tippfehler „Bad command or file name“ auslöste.
Zum Mitdenken

Was nimmst du aus diesem Gedanken mit?

Drei Wege von hier