Das gedrehte Machtgefälle: Warum das 70.000-Euro-Agenturmodell, das Scrum-Universum und patriarchale IT-Hierarchien vor dem Ende stehen
Dies ist der vierte Teil einer Reihe. In Thought #174 ging es um die Consul-Schreibmaschine meines Vaters und den Zehnfinger-Kurs in Olbernhau, in Thought #175 um SELFHTML, english-test.net und meine teuren Umwege über Agenturen, in Thought #430 um einen einzigen Tag im Terminal mit Gemini und Claude Code. Heute will ich einen Schritt zurücktreten und fragen: Was bedeutet das eigentlich für die Machtverhältnisse in der Web-Branche?
Die 80-Prozent-Falle und der 70.000-Euro-Friedhof
Wer sich die Referenzlisten osteuropäischer Outsourcing-Agenturen in der Ukraine, in Polen oder in Belarus anschaut, sieht schöne Screenshots. Was man nicht sieht: wie viele dieser Projekte sich jemals gerechnet haben. Mein Eindruck nach über zwanzig Jahren in diesem Geschäft ist ernüchternd – die meisten nicht.
Für Solo-Gründer und kleine Unternehmer sah die Rechnung immer gleich aus: 30.000 bis 70.000 Euro auf den Tisch legen, nur um eine Idee zu testen. Das Risiko trug zu hundert Prozent der Auftraggeber. Die Agentur wurde bezahlt, ob das Produkt jemals einen Euro verdiente oder nicht. Ich schätze, dass in der Web-Ökonomie rund 80 Prozent der kreativen Arbeit nie belohnt werden. Diese Arbeit liegt auf einem Friedhof aus abgeschalteten Domains und eingestellten Apps.
Was Google wusste: Man kauft das Fenster
Auch die Großen erfinden nicht alles selbst. Google hat 2003 die Firma Applied Semantics gekauft, deren Technik für passende Anzeigen neben Inhalten in AdSense aufging. 2007 folgte der Kauf von DoubleClick, abgeschlossen 2008. Google hat nicht gewartet, bis das eigene Labor fertig war – es hat sich das Wissen gekauft, als das Fenster offen war.
english-test.net war erfolgreich, weil wir genau in diesem historischen Fenster lagen: Google brauchte Publisher, AdSense zahlte gut, Foren und Übungsseiten blühten. Als ich später english.best mit einer externen Agentur gebaut habe, war dieses Fenster schon zu. Der Höhepunkt der AdSense-Publisher war vorbei, die Foren-Ära auch. Übrig blieb eine hohe Agenturrechnung für ein Projekt, das sich so nicht mehr monetarisieren ließ. Das Problem war nicht die Idee. Das Problem war, dass der Preis für einen Versuch so hoch war, dass man nur einen einzigen Versuch hatte.
Patriarchale Strukturen und null Eigentum
Es gibt noch eine Seite, über die selten gesprochen wird. Viele klassische Web-Agenturen, die ich in Osteuropa kennengelernt habe, sind innen erstaunlich patriarchal organisiert. Oben sitzen ein oder mehrere männliche Eigentümer. Darunter arbeiten oft überwiegend Frauen – im Projektmanagement, in der Qualitätssicherung, im Design, im Support. Häufig mit kurzen Verträgen, ohne echte Sicherheit, und mit dem Gefühl, jederzeit durch jemand Jüngeren ersetzbar zu sein.
Dabei sind diese Frauen nach meiner Erfahrung oft ehrgeiziger, engagierter und disziplinierter als die Eigentümer, die ihre Macht vor allem dem Kapital, dem formalen Besitz und alten Netzwerken verdanken. Und gerade durch diese Disziplin sind sie häufig kreativer und zugleich präziser.
Ich sehe das auch zu Hause. Meine Frau kann wunderbar zeichnen und basteln – und doch hat sie in vielen Fällen ein besseres technisches Verständnis als ich, weil sie neben ihrer Kreativität stark in Logik und Mathematik ist.
Was die Frauen in diesen Firmen trotzdem fast nie bekommen: Eigentum oder eine echte Beteiligung. Sie tragen die Arbeit, aber nicht den Wert, den sie schaffen.
Und jetzt passiert etwas Neues: Zum ersten Mal trifft eine technische Umwälzung nicht zuerst die Menschen unten, sondern die Eigentümer oben. Die KI nimmt ihnen das Torwächter-Monopol. Wer früher eine Agentur brauchte, um überhaupt eine Website zu bekommen, braucht heute ein Terminal und eine klare Vorstellung. Das Machtgefälle dreht sich.
Die KI und die neuen Werkzeuge gehören nicht mehr den „großen Männern“. Frauen, die Kreativität, Präzision und logisches Denken verbinden, können jetzt ihre Ideen, ihre Sichtweisen und auch ihre Ängste ausdrücken und sich ihren eigenen Raum im Netz bauen – ohne klassische Programmierausbildung, ohne 50.000-Euro-Budget und ohne männliche Torwächter-Netzwerke. UNO.TEAM begleitet und unterstützt sie gern auf diesem Weg und zeigt, wie man sich KI und neue Technik zu eigen macht.
Zebras statt Einhörner
Dafür brauchen wir keine bürokratische Rechtsform. Echte Zusammenarbeit lebt vom Geist gegenseitigen Vertrauens – so, wie es Mara Zepeda und Jennifer Brandel 2016 in ihrem Medium-Essay „Sex & Startups“ beschrieben haben, aus dem die Bewegung Zebras Unite hervorging.
Sie wollten weg von einer patriarchalen Start-up- und Agenturkultur, die vom Disruptieren, Zerschlagen, Besitzen und Töten besessen ist und unter dem steht, was Rebecca Solnit mit den Worten einer Freundin „die Tyrannei des Quantifizierbaren“ nennt. Und zurück zu „mundanen“ Idealen im ursprünglichen Sinn des Wortes: Idealen, die zur Welt gehören. Es geht ums Reparieren, Kultivieren und Verbinden, um Geld und Sinn auf lange Sicht – und darum, Menschen als Mitwirkende zu sehen, nicht als Helden.
Genau so wollen wir bei UNO.TEAM arbeiten: auf Augenhöhe, nicht von oben herab.
Das Ende des Scrum-Universums
Ich glaube, dass wir in den nächsten sechs bis fünfzehn Monaten eine tektonische Verschiebung erleben. Nicht nur die aufgeblähten Baukästen – Webflow, Squarespace, Wix, Webador, 1&1 – verlieren ihren Sinn. Auch das ganze Scrum-Universum gerät ins Wanken: Scrum Master, teure Zertifizierungen, endlose Sprint-Zeremonien, Dailys, Retros und Refinements. All das war eine Antwort auf ein Problem: Viele Menschen mussten sich mühsam abstimmen, um Code zu schreiben. Wenn eine Person mit einem guten Agenten in Stunden schafft, wofür früher ein Team Wochen brauchte, verliert diese Antwort ihre Frage.
Tokens sind die neuen Gigabytes
Als Gmail im April 2004 startete, war ein Gigabyte Speicher eine Sensation. Heute hat mein Google Workspace mehr als ein Terabyte. Drei Millionen Wörter Text und dazu meine Fotos belegen davon kaum ein Prozent. Speicher ist kein Thema mehr – er ist einfach da.
Mit Tokens passiert gerade dasselbe. Nach meiner Erfahrung bekomme ich mit Claude Code im Terminal ein Vielfaches an wirksamer Arbeit aus denselben Tokens heraus wie mit IDE-Oberflächen wie Antigravity – gefühlt bis zu zwanzigmal so viel, weil der Agent gezielt liest und handelt, statt den Kontext aufzublähen. Dazu kommt der Wettbewerb: US-Modelle gegen chinesische Open-Weight-Modelle wie DeepSeek und Qwen. Deutschland und Russland spielen in der Spitzengruppe dieser Grundlagenmodelle praktisch keine Rolle. Ich erwarte, dass dieser Wettbewerb die Token-Preise noch einmal um 50 bis 80 Prozent drückt.
Was heißt das für Gründer? Früher musste man ein Budget von 30.000 Euro rationieren: Quiz oder drei Sprachen? Suchfunktion oder Skripte? Heute sind die Kosten gedeckelt, und die Kreativität ist frei. Der lange Schwanz der Ideen – die vielen kleinen, eigenwilligen Projekte, die sich nie eine Agentur leisten konnten – bekommt zum ersten Mal eine echte Chance.
Was bleibt
Ich bin den Agenturen, mit denen ich gearbeitet habe, nicht böse. Ich habe viel von ihnen gelernt, und einige haben sehr gute Arbeit gemacht. Aber das Modell, in dem eine Person das ganze Risiko trägt, eine andere die ganze Macht hat und die Menschen dazwischen nichts besitzen, hat seine Zeit gehabt. Der Junge mit der Consul-Schreibmaschine sitzt jetzt selbst am Steuer – und er möchte das Lenkrad mit anderen teilen.
🤖 Reflexions-Quiz zu Thought #431
Drei Fragen zum Weiterdenken. Wähle eine Antwort – danach bekommst du eine Erklärung und einen Impuls zur Selbstreflexion.
- Warum war english-test.net erfolgreich, english.best aber nicht?
A) Weil english.best schlechter programmiert war.
B) Weil english-test.net teurer war.
C) Weil english-test.net genau im historischen Fenster lag, als Google Publisher brauchte – bei english.best war die AdSense- und Foren-Ära vorbei.
D) Weil english.best nur auf Russisch erschien. - Worauf beruht echte Zusammenarbeit für UNO.TEAM – im Geist von Zebras Unite?
A) Auf einer möglichst großen Rechtsform mit vielen Anteilen.
B) Auf gegenseitigem Vertrauen: reparieren, kultivieren und verbinden, für Geld und Sinn auf lange Sicht – mit Menschen als Mitwirkenden, nicht als Helden.
C) Auf schnellem Wachstum, bis ein Konzern die Firma kauft.
D) Auf einem einzigen starken Gründer, der alles entscheidet. - Was meint Torsten mit „Tokens sind die neuen Gigabytes“?
A) Dass Tokens auf Festplatten gespeichert werden.
B) Dass Gmail jetzt mit Tokens bezahlt wird.
C) Dass Tokens immer teurer werden.
D) Dass Tokens – wie einst Speicherplatz – so billig und reichlich werden, dass Gründer ihr Budget nicht mehr zwischen Funktionen rationieren müssen.