Thought #434

Gelebte Commons: Von Regen, Sprache und Schulmilch bis zum cityFlitzer und KI-Tokens

Commons
Nate Hagens
Degrowth

Zunächst ist es sprachlich interessant festzustellen, dass es im Englischen diesen Begriff „The Commons“ gibt. Und das ist dort auch ein sehr gebräuchlicher Begriff, weil die Wurzel ja „common“ ist – und „common“ nutzen wir im Englischen ganz oft und täglich in verschiedenen Kontexten. Im Deutschen dagegen ist die Entsprechung für „The Commons“ der Begriff „Allmende“. Und „Allmende“ ist nun ein Wort, das ganz selten genutzt wird und deswegen zunächst erst mal ungewöhnlich und merkwürdig klingt. Es klingt im Deutschen fast wie „Alimente“ und das Verb „alimentieren“ – und „alimentieren“ ist heute vor allem negativ konnotiert. Ich erinnere mich an einen Auftritt, eine Rede der Rechtsextremen Alice Weidel, die von „alimentierten Messermännern“ sprach – also sehr abwertend und sehr menschenverachtend. Auch deswegen ist „The Commons“, glaube ich, vor allem im englischsprachigen Raum ein viel etablierterer und unverkrampfterer Begriff.

Aber schauen wir uns ein paar Beispiele an, wie „The Commons“ im Alltag gut funktionieren. Wir haben zum Beispiel materielle Güter wie Wasser: Wir brauchen Wasser, wir bestehen aus Wasser, und ohne Wasser gibt es kein Leben. Lange Zeit haben wir Menschen das Wasser selbstverständlich geteilt. Und der Regen, der fällt, wird zumindest noch nicht künstlich begrenzt – da gibt es keinen privatkapitalistischen Anspruch darauf. Wenn der Regen auf meine Haut fällt, dann kann ich ihn spüren, mich an dem Regen erfreuen, und Pflanzen, die ich habe, können durch das Regenwasser gedeihen. Oder die Luft, die wir atmen: Sie ist eines der elementarsten Beispiele für „The Commons“, für die Allmende – für Ressourcen, die uns Menschen allen uneingeschränkt zur Verfügung stehen.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich als Kind in der Schule in der DDR Zugang zur Schulspeisung hatte, die quasi kostenlos war – es gab nur einen symbolischen Betrag. Das galt für die Schulspeisung inklusive der Milch: Jedes Kind konnte zwischen drei Sorten Milch auswählen – nämlich Fruchtmilch Erdbeere, Vanille und Schoko –, und die haben nur Pfennigbeträge gekostet. Schoko lag, glaube ich, bei 15 Pfennigen und Vanille bei 10 Pfennigen; Schoko war also etwas teurer, aber es waren Pfennige, sodass sich das wirklich jedes Kind leisten konnte.

Etwas Ähnliches hat damals in den 70er-Jahren Salvador Allende in Chile etabliert: In Chile war es sogar so, dass die Kinder in der Schule kostenlos Milch und kostenloses Essen bekamen. Und genau das hat den Kapitalisten nicht gefallen. Die USA haben Allende gestürzt, weil sie eine rechtsextreme, imperialistische Regierung wollten und eben keine „Commons“-orientierten, gemeinwohlbasierten Regierungen – vor allem nicht in Südamerika. Denn das hätte bedeutet, dass ihr Machtmonopol und ihre imperialistischen Machtstrukturen gebröckelt wären, weil sich dieses Modell sonst irgendwann auch in Nordamerika herumgesprochen und durchgesetzt hätte.

Deswegen haben sie rechtsextreme beziehungsweise rechtspopulistische Propaganda betrieben und sofort den Teufel des Kommunismus an die Wand gemalt. Das fiel ihnen auch deshalb leicht, weil im Namen des Kommunismus und des Sozialismus tatsächlich sehr viel Schindluder getrieben wurde – durch klinische Psychopathen wie Stalin. Denn Stalin war kein Kommunist, und er war auch kein Sozialist: Er war einfach nur ein Psychopath, der die damalige Ideologie für sich ausgenutzt hat. Genauso wie heute Putin oder Netanjahu – all diese Figuren scheren sich einen Dreck um Ideologie; das Einzige, was sie interessiert, ist ihre persönliche Macht. Für Netanjahu ist es heute eben opportun zu sagen: „Ich bin rechts“. Und Stalin hat damals einfach die historischen und gesellschaftspolitischen Verhältnisse brutal zu seinen Zwecken ausgenutzt und sich in die Machtposition der Kommunistischen Partei gebracht – ohne dass er die eigentlichen Ideale des Sozialismus und vor allem des Marxismus auch nur ansatzweise verstanden hätte.

Und wir können das Prinzip der „Commons“ direkt fortsetzen mit einem ganz wichtigen Gut, das aber eben nicht materiell, sondern immateriell ist: Das ist unsere Sprache. Wir dürfen die menschliche Sprache uneingeschränkt benutzen. Elon Musk, Jeff Bezos, Sergey Brin, Larry Page und alle anderen Milliardäre können es nicht verhindern, dass wir täglich menschliche Sprache verwenden, sie weiterentwickeln und sie analysieren – und dafür müssen wir kein Geld bezahlen. Da fällt mir der Spruch ein: „The best things in life are free.“

So könnte ich die Liste jetzt fortsetzen. Immaterielle Güter sind für mich vor allem auch Vertrauen, menschliche Nähe, Humor und Einfallsreichtum. All diese Dinge sind für mich im weiteren Sinne ebenfalls „The Commons“, weil sie über Jahrtausende aus der Evolution heraus entstanden sind und wir alle Teil dieses größeren Ganzen sind. Nate Hagens nennt das den „Superorganismus“ – also etwas Größeres als wir einzelnen Individuen: Wir sind Teil eines Systems, welches größer ist als die Summe seiner Einzelteile.

Und ganz aktuell hier aus Leipzig, direkt aus meinem Alltag, fällt mir noch ein Beispiel ein, das zumindest teilweise viel mit „The Commons“ zu tun hat: „teilAuto.net“ und dort ganz speziell das Angebot „cityFlitzer“. Denn beim „cityFlitzer“ ist es ja so, dass ich Fahrzeuge für kurze Strecken – bei mir im Durchschnitt zum Beispiel für 30 Minuten – einfach spontan buche, mich ins Fahrzeug setze und losfahre. Und das setzt voraus, dass die anderen Nutzerinnen und Nutzer, die vor mir das Fahrzeug gefahren sind, entsprechend verantwortungsvoll mit diesem gemeinsamen Gut umgehen: dass sie zum Beispiel nachtanken oder bestimmte Dinge melden, wenn es eine Fehlermeldung gibt oder wenn Gegenstände im Fahrzeug liegen geblieben sind.

All das ist für mich gelebte „Commons“-Praxis, weil es bedeutet, dass wir Menschen uns darauf verständigt und geeinigt haben, bestimmte Regeln einzuhalten – auch wenn wir im ersten Moment vielleicht gar nicht unmittelbar dazu gezwungen sind. Denn ich könnte es ja theoretisch erst mal ignorieren, dass der Tank beim Fahrzeug fast leer ist, dass es eine Fehlermeldung gibt oder dass ein Gegenstand im Auto vergessen wurde. Aber ich verstehe: Wenn ich es ignoriere, würde die nächste Person es vielleicht genauso ignorieren. Und ich will und muss eben zu einem größeren Ganzen beitragen, weil wir Menschen das über die Evolutionsgeschichte hinweg genau so gelernt und verinnerlicht haben.

Aus meiner Sicht sehen wir das „Commons“-Prinzip auch bei solchen Dingen wie digitaler Infrastruktur. Auch sie sollte weitestgehend für alle Menschen uneingeschränkt zugänglich sein – unabhängig vom finanziellen Status oder von anderen Kriterien und vom Stand eines Individuums, genau wie eben der Zugang zu Trinkwasser.

Und auch hier sehe ich „The Long Tail“ beziehungsweise den massiven Preisverfall, weil die Preise für solche Güter mittlerweile zum Teil um 90 Prozent gesunken sind. Ich kann mich an eine Grafik erinnern, in der dargestellt wurde, was Solarmodule – und damit die Erzeugung von Solarenergie – noch vor zehn oder fünfzehn Jahren gekostet haben und dass der Preis mittlerweile um 90 Prozent gefallen ist. Ähnlich ist es bei anderen, vor allem digitalen Gütern: Wir hatten ja schon Gmail-Speicher und Google Drive, also Cloud-Speicher, erwähnt – da ist der Preis mittlerweile genauso um etwa 90 Prozent gefallen.

Und ganz ähnlich sehe ich es beim Thema Tokens, wenn es um die Nutzung von KI-Modellen geht. Noch sind die Budgets teilweise künstlich begrenzt. Ich kann mich erinnern, als ich 2023 das erste Mal ChatGPT benutzt habe – noch das erste Modell –, da hatte ich nur eingeschränkt Zugriff und musste dann Tokens nachkaufen. Jetzt, drei Jahre später, ist der Preis der Tokens bereits in den Keller gegangen. Die chinesischen Modelle sind am Start, und es ist eine Frage von Monaten, nicht von Jahren, bis der Preis für Tokens quasi gegen null geht.

Und genau dann erhalten andere Güter einen viel größeren Wert: Und diese Güter sind eben menschliche Eigenschaften – das Menschsein an sich. Es ist die Art und Weise, wie wir vielleicht chaotisch kommunizieren und nachdenken, dass wir Dinge sprunghaft ausdrücken und unvollkommen sind. All das wird in Zukunft im Wert steigen und einen höheren Preis haben als automatisierte Tokens – denn die wird man in Zukunft hinterhergeworfen bekommen.

Übrigens gibt es auch das „Commons-Institut“, wo intensiv genau dazu geforscht wird. Denn ich glaube, dass in „The Commons“ ein echter Schlüssel liegt, um die großen Herausforderungen, vor denen wir zunehmend stehen, zu lösen: ein riesig wichtiger Kernbaustein für uns Menschen und für das Menschsein.

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