Thought #311
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Von Jason Hickel zu Elinor Ostroms Commons

Commons
Degrowth
Jason Hickel

Das Buch Less is More von Jason Hickel und seine Essays zeigen eindrücklich, wie eine Post-Wachstums-Ökonomie aussehen kann.

In einem seiner Essays hat Jason Hickel – ich glaube, so etwa 2016 muss es gewesen sein – auf seiner Website darüber berichtet, wie im 14. oder 15. Jahrhundert in England damit begonnen wurde, „the Commons“ (die Allmende), die bis dahin gegolten hatten, systematisch einzuschränken. Man hat also „Artificial Scarcities“ – künstliche Knappheiten – kreiert, um die Bevölkerung, die damals die „Commoners“ waren und eben keinen Besitz und kein Eigentum, vor allem kein Land besaßen, durch „Labour“, durch Fronarbeit und Lohnarbeit dazu zu zwingen, dass sie einen Mehrwert für die Oberschicht generieren. Und das war, wenn man so will, der Grundstein und der Beginn des Kapitalismus.

Allerdings glaube ich, dass bereits vorher schon Schritte in Richtung „Artificial Scarcities“ unternommen wurden, indem man seit der Sesshaftigkeit der Menschen, dem Ackerbau und der Viehzucht Privateigentum an Teilen des Planeten etabliert hat. Man hat also gesagt, dass Land – gewisse Teile der Nutzfläche – nur bestimmten Privatpersonen zur Verfügung steht. Und das war ein Bruch. Denn wir haben 94 Prozent der Zeit unserer Existenz als Homo sapiens immer schon anders gelebt, und über viele Generationen war es völlig natürlich, dass wir das, was uns die Natur geschenkt hat, miteinander teilen.

Später hat dann der Ökologe Garrett Hardin – aufbauend auf dem britischen Ökonomen William Forster Lloyd – den berühmten Essay „The Tragedy of the Commons“ verfasst. Die Quintessenz dieses Essays war, dass wir Menschen angeblich nicht fähig sind, „the Commons“ tatsächlich nachhaltig zu teilen, sondern dass wir, wenn etwas frei zur Verfügung steht, immer mehr von diesem Etwas nehmen, als wir eigentlich brauchen.

Elinor Ostrom – ihres Zeichens die 2009 in Schweden ausgezeichnete Wirtschaftsnobelpreisträgerin – hat aber wissenschaftlich nachgewiesen, dass die „Tragedy of the Commons“ einen logischen Fehler hat: Denn wenn gemeinsam Regeln etabliert werden und es Mechanismen gibt, die das übermäßige Entnehmen von Teilen eines Gutes einschränken und verhindern, dann funktionieren „the Commons“ sehr gut!

Auch der amerikanische Wissenschaftler und Ökonom Jeremy Rifkin – der seinerzeit unter anderem auch die erste Merkel-Regierung beim Einleiten der Energiewende beraten hat – hat in einem seiner Vorträge davon gesprochen, dass wir als Gesellschaft weg müssen vom persönlichen Eigentumsdenken. Er hat das am Beispiel von Spielzeug festgemacht: Wir kaufen unseren Kindern im Globalen Norden – allerdings nur dort, nicht im Globalen Süden – unglaublich viel Spielzeug. Und dieses Spielzeug wird von unseren Kindern, wenn überhaupt, nur eine ganz kurze Zeit genutzt, und dann wandert es in den Müll. Das ist eine Riesenverschwendung von Ressourcen. Anstelle jedem einzelnen Kind eine eigene Drohne, eine Puppe oder sonstiges Spielzeug zu kaufen, könnten wir dieses Spielzeug doch viel besser mit mehreren Kindern teilen – so, wie das unsere Kinder über Jahrtausende bereits getan haben und sich damit wunderbar wohlgefühlt haben.

Denn wenn sie Dinge miteinander teilen, dann entsteht eine Verbundenheit, eine echte Verbindung zwischen diesen Kindern, und sie können voneinander lernen und sich gegenseitig ergänzen. Während sie, wenn sie in diesem Besitzdenken und Anspruchsdenken gefangen sind, sich von anderen Kindern abgrenzen und nicht bereit sind, sich zu öffnen und ihre Ressourcen auszutauschen und zu teilen – und dann kann keine wirkliche Entwicklung stattfinden.

Es gibt diese Zeile in einem U2-Song, die da lautet: „You can only truly own what you give away.“ (aus „Get Out of Your Own Way“ von U2 feat. Kendrick Lamar, Album Songs of Experience, 2017) Und da steckt sehr viel drin. Diese Idee von „Ownership“, von Besitztum und Eigentum, ist ein neoliberales Konzept, welches nicht so richtig funktioniert. Es gibt ja auch diesen Ausspruch „Sharing is Caring“ – und ich weiß, dass es dazu diese lustige Ergänzung gibt: „...but I don't care.“ Aber wie wäre es, wenn wir diesen Spruch erweitern und sagen: „Sharing is Vermehring“ – abgeleitet vom deutschen Wort „vermehren“? Denn etwas zu teilen bedeutet ja nicht unbedingt, dass etwas weniger wird. Wenn ich zum Beispiel Wissen mit jemandem teile, lerne ich durch das Teilen selbst dazu, und ich bekomme durch das Teilen mehr zurück, als ich investiere. Das heißt, es entsteht ein echter Mehrwert: Ich bekomme vor allem Dankbarkeit, Anerkennung, Zufriedenheit und positive Vibes zurück. Und das ist etwas, was wir Menschen brauchen – und was eben viel wichtiger ist als alle materiellen Güter zusammen.

Zum Mitdenken

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