Nicht unser Geld braucht einen Schichtwechsel, sondern wir einen Systemwechsel: Über Finanzwerbung, Klassismus und Nate Hagens’ Carbon Pulse
Ich stehe gerade vor einer Litfaßsäule mit einem Riesenplakat, einem schwarzen Werbeplakat, und darauf steht in Gelb beziehungsweise Orange und Weiß: „Ihr Geld braucht auch mal einen Schichtwechsel. Unser Investmentfonds für Zins und Dividende setzt auf eine ausgewogene Kombination aus Aktien und Anleihen.“
Und was mir spontan dazu einfällt, ist: Leute, hey – es geht nicht um unser Geld und um einen Schichtwechsel, sondern wir brauchen einen Systemwechsel! Auch diese Werbung hier ist klassischer Klassismus: Denn wer kann sich heute überhaupt noch Zins und Dividenden, Aktien und Anleihen leisten? Und vor allem gehen all diese Aktien und Anleihen zulasten der Ökosysteme, die uns eigentlich allen gemeinsam gehören. Ihr setzt auf die fossile Bonanza – ihr setzt darauf, dass weiterhin vor allem das billige Öl sprudelt.
Da bin ich sofort wieder bei Nate Hagens und „The Great Simplification“ – mir fällt sofort sein Begriff „The Carbon Pulse“ (der Kohlenstoff-Impuls) ein. Nate Hagens beschreibt ja genau das, was da an der Wall Street oder an anderen Börsen passiert: dass weiterhin darauf gewettet wird, dass billiges Öl wenigen Konzernen zu Reichtum und Macht verhilft, und dass Menschen, die halt noch „Kohle“ – wie man so schön sagt – übrig haben, ihre Kohle in irgendwelche Aktien und Anleihen stecken, ohne nachzuschauen, welche Menschen vor allem im Globalen Süden darunter leiden. Wobei mittlerweile ja längst nicht mehr nur Menschen im Globalen Süden leiden, sondern weltweit.
Ich finde es unverantwortlich, dass hier überhaupt nicht hinterfragt wird, wohin genau und in welche Projekte diese Gelder und Aktien eigentlich fließen. Natürlich kommt da sofort dieser Abwehrimpuls, diese typische Abwehrreaktion: „Na ja, wir sind doch nachhaltig, das ist doch eine grüne Aktie“ und so weiter. Sofort kommt dieses Greenwashing – was aber hoffentlich in Zukunft vor allem bei der Gen Z kaum noch zieht. Mich würde ohnehin wirklich mal interessieren, welcher Prozentsatz der Gen Z es sich heute überhaupt noch leisten kann, in Aktien oder Anleihen zu „investieren“. Und „investieren“ muss man hier in Anführungsstriche setzen: Denn es ist keine echte Investition in die Zukunft, sondern es ist Raubbau an unseren natürlichen Ressourcen.
Eigentlich müssten wir das nicht erst langsam, sondern möglichst bald verhindern und klare Regeln aufstellen, damit so etwas nicht mehr funktioniert – weil diese Finanzberatungen und Online-Broker schlicht keine Daseinsberechtigung mehr haben. Denn entweder gibt es weiterhin diese Finanzberatungen und die Aktien-Bonanza – oder es gibt unseren Planeten. Beides zusammen ist nicht mehr miteinander vereinbar.