Konzeptwerk Neue Ökonomie und die Grenzen des Wachstums
Über die internationale Degrowth-Bewegung führt der Weg direkt zu lokalen Gruppen wie dem Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig.
Vor einigen Tagen war ich zu Besuch beim Konzeptwerk Neue Ökonomie, und die beiden Vertreterinnen – Mo war die eine – haben mir geschildert, dass das Konzeptwerk jetzt tatsächlich bereits in der dritten oder vierten Generation ist. Das heißt, die ursprünglichen Gründerinnen und Gründer sind zum Teil gar nicht mehr aktiv, nachdem der Verein, soweit ich weiß, 2010 oder 2011 – also vor mittlerweile rund 16 Jahren – aus dem Umfeld von Akademikerinnen und Akademikern der Universität Leipzig heraus entstanden ist. Und das erklärt einiges, weil ich ja schon mal kritisch auf das Konzeptwerk geschaut habe: Ursprünglich war die Kernidee des Vereins, die Prinzipien der Neuen Ökonomie zu verbreiten und in die Öffentlichkeit zu tragen, und ich glaube, aktuell ist das beim Konzeptwerk nicht mehr so richtig zu erkennen. Gestartet sind sie mit der Denkschule von „Degrowth“, welche wiederum aus den Ideen des „Club of Rome“ entstanden ist, und irgendwann ist das Konzeptwerk, glaube ich, in seiner Entwicklung etwas stehen geblieben.
Jetzt gibt es neue Organisationen wie zum Beispiel „System Delta“, welches noch in Gründung ist und aus einer Initiative des Wissenschaftlers Martin Oetting entstanden ist, der zunächst sein eigenes Projekt hatte. Im Kern geht es darum, die Ideologie – man könnte schon fast sagen: die Religion – des ewigen und ständigen Wirtschaftswachstums zu kritisieren. Und das ist nach wie vor eine der wichtigsten Aufgaben: dass wir uns verabschieden von dieser historisch relativ jungen und kurzen Erzählung, dass es „Wohlstand für alle“ gibt – was schon mal so nicht zutreffend ist – und dass dieser Wohlstand nur dann erhalten und vermehrt werden kann, wenn das BIP, das Bruttoinlandsprodukt, ständig wächst.
Das ist nachweislich nicht der Fall. Es gibt zum Beispiel im Globalen Süden Länder wie Costa Rica, die ein weitaus geringeres BIP pro Kopf („per capita“) als Industrieländer im Globalen Norden haben, aber beim Wohlfühl-Index und bei den Kriterien in Bezug auf mentale Gesundheit, Glück, Selbstverwirklichung und viele andere Bereiche weitaus besser dastehen als Industrieländer. In Deutschland haben wir doch eindeutig das Problem, dass wir alle überfordert sind und dass wir alle am Limit sind, was unsere persönlichen, physischen und vor allem mentalen Ressourcen anbelangt. Und da kann doch um Gottes willen nicht die Antwort sein, dass wir noch mehr Wirtschaftswachstum brauchen!
Im Gegenteil: Wir müssen abrüsten, wir müssen ganze Branchen herunterfahren – und die erste Branche, die mir sofort einfällt, ist die Werbebranche. Denn wenn ich mein Produkt oder meine Dienstleistung nur dann verkaufen kann, wenn ich dafür massiv Ressourcen ausgebe, um sie zu bewerben, dann kann ja das Produkt oder die Dienstleistung nicht so gut sein und die echte Nachfrage danach gar nicht da sein. Ganz am Anfang, als Google im Kern noch zu den „Guten“ gehörte, haben sie eigene klassische Werbung auf kommerziellen Kanälen abgelehnt, weil sie gesagt haben: Wenn unser Produkt nicht so gut ist, dass es von selbst geteilt wird – „Word of Mouth“, also Mund-zu-Mund-Propaganda –, dann müssen wir am Produkt arbeiten. Und genauso sehe ich es auch: Menschen sind doch heute in der Lage, selbst Dinge zu suchen und zu finden, die sie brauchen.
Warum muss es dann massive Werbung geben, die einfach eine Reizüberflutung darstellt, die einen Eingriff in unsere Privatsphäre und in unsere „Commons“ darstellt und an unserer mentalen Gesundheit nagt? Diese Gewalt, die durch Werbung, falsche Versprechungen und ständige Ablenkung ausgeübt wird – ohne dass ich mich dieser Gewalt entziehen kann –, führt nachweislich zu mentalen und psychischen Problemen. Und diese Schäden müssen wiederum von der Solidargemeinschaft gelöst und getragen werden: weil Menschen dann zum Arzt gehen, sich krankschreiben lassen, Psychotherapie beantragen sowie Behörden und Bürokratie in Anspruch nehmen. Die Kosten werden also auf die Gemeinschaft externalisiert und nicht von den Nutznießern dieser Produkte getragen, die nur kurzzeitig unseren Dopamin-Pegel erhöhen, aber langfristig Schäden bei den Individuen und bei der Gesellschaft anrichten.
Deswegen: Wenn wir vom BIP sprechen – damit muss Schluss sein, wenn wir die jungen Generationen retten wollen. Und beginnen müssen wir bei der Werbung: Die muss reduziert und reguliert werden. Jetzt schreien sofort viele: „Du Kommunist, das darf nicht sein, wir brauchen Freiheit!“ Aber genau das müssen wir diskutieren: Was genau ist denn diese Freiheit – die Freiheit des Kapitals oder die Freiheit von Menschen? Regulierung hat es immer schon gegeben, die muss es geben, und nachweislich führen Regulierung und Einschränkungen auch zu Kreativität, zu neuen Ideen und zu echter Innovation. Deswegen bin ich dafür, bei der Werbebranche zu beginnen und dann systematisch in andere Branchen reinzugehen. Die nächste, die mir sofort einfällt, ist die Zuckerbranche. Aber wir können auch bei den großen Grundstoffindustrien nachschauen: Wir brauchen nicht so viel Stahl, wir brauchen nicht so viel Beton, wir brauchen nicht so viel Asphalt und wir brauchen auch nicht so viel Holz. Diesen gesamten Materialverbrauch müssen wir reduzieren – damit würden wir auch den Energiehunger senken und unsere mentale Gesundheit verbessern, weil wir dann endlich mehr Zeit für die Dinge hätten, um die es wirklich im Leben geht.