Geschichte · Wohnen & Wohnungsgenossenschaft

Marina und ihre Nachbarin in Borna: Ein Ultimatum wegen eines Trampolins – und was wir gemeinsam klären konnten

Die Frage

Die Wohnungsgenossenschaft setzt ein Ultimatum und droht mit fristloser Kündigung – wegen eines Trampolins im Garten, spielender Kinder und Beschwerden aus der Nachbarschaft. Was kann ich tun?

Was du jetzt tun kannst

  1. Ruhig bleiben und alles schriftlich sammeln: das Schreiben der Genossenschaft mit Datum und Frist, jede einzelne Beschwerde, Fotos vom Garten.
  2. Im Nutzungs- bzw. Mietvertrag und in der Hausordnung nachsehen, was zur Gartennutzung geregelt ist – und schriftlich nachfragen, auf welche Regel sich das Ultimatum konkret stützt.
  3. Gut zu wissen: Normaler Kinderlärm gilt in Deutschland in aller Regel als hinzunehmen, und eine fristlose Kündigung setzt einen wichtigen Grund voraus. Ein Trampolin allein ist das meist nicht.
  4. Ein gemeinsames Gespräch vorschlagen – mit der Genossenschaft und, wenn möglich, mit den Nachbarinnen. Mit Sprachmittlung und auf Augenhöhe verändert sich der Ton oft schon im ersten Termin.
  5. Wenn jemand Kinder ohne Einwilligung filmt, verletzt das ihre Persönlichkeitsrechte. Die Genossenschaft schriftlich darauf hinweisen und sie bitten einzuschreiten.
  6. Bei einer Kündigungsandrohung oder Kündigung rechtzeitig einen Mieterverein oder eine Mieterberatung einschalten – und alle Fristen notieren.

Wichtig: Hier gibt es Orientierung und Erfahrung, keine Rechtsberatung. Zu einem konkreten Bescheid wende dich bitte auch an die Migrationsberatung (MBE) oder eine Sozialberatung. Die Frist für einen Widerspruch beträgt in der Regel einen Monat.

Wie es Marina und ihrer Nachbarin ergangen ist

Vor einigen Wochen habe ich zwei ukrainischen Frauen, die hier mit ihren Kindern in Borna seit etwa vier Jahren wohnen, geholfen bei der Schlichtung eines Streites, eines Konfliktes, der bereits seit vier Jahren schwelte. Der Konflikt bestand zwischen ihnen – das heißt zwischen den beiden Freundinnen, die im gleichen Haus wohnten und Nachbarinnen waren, sowie ihren Kindern (die eine Frau hat zwei Töchter, die andere Frau hat eine Tochter) – und einem älteren Ehepaar in diesem Mehrfamilienhaus, wahrscheinlich ein Boomer-Ehepaar, die schon längere Zeit in Rente sind und viel Zeit haben.

Und dieser Konflikt war ziemlich vielschichtig. Es gab sehr viele Beanstandungen seitens des Ehepaars, und die meisten davon waren an den Haaren herbeigezogen: Also zum Beispiel hat sich die Frau – also die Boomer-Frau – darüber echauffiert, dass die beiden ukrainischen Frauen Freundinnen in den Garten einluden und dass diese Freundinnen kurze Röcke trugen. Oder es gab Beanstandungen bezüglich des Verhaltens der Kinder: Das heißt, die Kinder sind unter anderem im angemieteten Garten herumgesprungen, wie das halt Kinder machen, sie haben ein Trampolin benutzt und waren einfach „zu laut“. Also über diesen Kinderlärm hat sich das Ehepaar beschwert.

Und leider, sehr zu meinem Verdruss, hat die Genossenschaft als Vermieterin sehr harsch reagiert und hat den beiden Frauen ein Ultimatum gesetzt – eine Frist, bis zu der sie das Trampolin verschwinden lassen sollten –, und hat den beiden bei Nichterfüllung mit der fristlosen Kündigung gedroht. Aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar. Und es gab noch andere Verstöße seitens des Boomers: Er hat unter anderem die Kinder auch gefilmt. Das ist grenzwertig, das ist nicht in Ordnung, und ich fand es ganz traurig, dass die Genossenschaft nicht darauf hingewiesen hat, dass das nicht in Ordnung ist.

Um es kurz zu machen: Ich habe das alles meiner Mutter erzählt. Sie wohnt noch in einer Gemeinde in Neuhausen im Erzgebirge und war dort lange im Vorstand der GWG. Und sie konnte das überhaupt nicht nachvollziehen, weil die GWG seit der Wende einen unglaublichen, dramatischen Bevölkerungsschwund hat, Mitgliederschwund – so wie der gesamte Erzgebirgskamm. Also ganze Ortsteile wie Cämmerswalde: Ich glaube, in Cämmerswalde zum Beispiel sind etwa 30 Prozent der Gebäude einfach verfallen, die verrotten, da zieht niemand mehr hin. Und meine Mutter hat gesagt: „Ja, also wenn wir jetzt zwei junge Familien hätten oder wenn wir Mieter:innen hätten mit Kindern, dann würden wir die Kinder noch bejubeln! Dann würden wir sagen: ‚Hey Kindel, ihr könnt gerne noch lauter spielen, das stört uns nicht, wir freuen uns über jedes Kind!‘“ Weil ich auch glaube, dass Kinder das Recht haben sollten, herumzutollen, weil das bedeutet doch, dass sie gesund sind.

Auf jeden Fall konnte ich das nicht nachvollziehen, das war sehr traurig. Und trotzdem waren die beiden Frauen am Ende zufrieden, weil wir natürlich einiges klären konnten. Und ich bin gern bereit, auch in Zukunft in solchen Fällen zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass der genossenschaftliche Gedanke weiterhin erhalten bleibt – und dass weiterhin Kinder ihr Recht bekommen, egal aus welcher Region oder wo sie aufgewachsen sind: ob sie jetzt also aus einem Kriegsgebiet kommen und leider ihre Heimat verlassen mussten, oder ob sie aus Sachsen stammen, so wie ich, und wohlbehütet aufwachsen konnten.

Aus meiner Sprachnotiz (November 2026). Mehr über Genossenschaften und Machtgefälle in Thought #285.

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Wer ich bin und worauf meine Begleitung aufbaut

Ich bin Torsten Därr. Seit anderthalb Jahren begleite ich als AVGS-Coach Menschen aus der Ukraine – mehr als 30, jede mit 80 Unterrichtseinheiten im Einzelgespräch (Ancora Coaching).

Seit mehr als drei Jahren bin ich Sprachmittler (Russisch – Deutsch) im Projekt SprInt – in Jobcentern und Behörden in Leipzig, Borna und ganz Sachsen.

Ich kenne die Formulare, Fristen und Flure dieser Einrichtungen von innen – und schreibe offen darüber: AVGS-Coaching und Svitlana (#291), ein Tag beim Jobcenter Borna (#439).