Machtgefälle und die Angst vor Transparenz
Wo Genossenschaftsverwalter auf berechtigte Bürger-Nachfragen aggressiv reagieren, geht es nicht mehr um die Sache, sondern um die Aufrechterhaltung von Machtstrukturen. Wer aus historischer Erfahrung mit Willkür und DDR-Bürokratie gelernt hat, erkennt das Muster: Wer von der Rechtmäßigkeit seines Handelns überzeugt ist, muss die Öffentlichkeit nicht fürchten.
Ich habe mich längere Zeit mit dem Gedanken beschäftigt, eine Genossenschaft zu gründen. Das Ganze begann 2018, als ich vor allem noch englischsprachig unterwegs war und die Bewegung Zebras Unite kennengelernt habe – und mich dann über Zebras Unite mit Co-ops intensiver beschäftigte. Unter anderem fand ich heraus, dass in den USA Co-ops gar nicht so unpopulär sind, dass Co-ops relativ verbreitet sind in verschiedenen Bereichen, also zum Beispiel im Food-Bereich, Agriculture. Und in Europa gibt es vor allem in Spanien, und vor allem dort in der Region Barcelona, eine ganze Reihe von interessanten Konstellationen in Bezug auf Co-ops.
In Deutschland ist die Landschaft noch etwas schwieriger. Wir sind mit Delitzsch die Wiege der Genossenschaftsidee – also Genossenschaften per se sind in Deutschland, in Sachsen unter anderem, entstanden. Aus wirtschaftlicher Not heraus haben sich Menschen organisiert und gemeinschaftlich Unternehmen gegründet, deren Anteile sie untereinander geteilt haben, also deren Gewinne sie untereinander aufgeteilt haben.
Und als ich dann im September 2025 eine Vertreterin der Gen Z kennenlernte und festgestellt habe, dass wir sehr viele Übereinstimmungen haben, was unsere Werte anbelangt, und ich dann erwähnte, dass ich eine Genossenschaft gründen will, hat sie sehr positiv reagiert und meinte, dass auch sie sich schon lange mit diesem Gedanken getragen hat. Und deshalb haben wir beide uns auf den Weg gemacht, Menschen zu finden, die mit uns gemeinsam eine Genossenschaft gründen wollen. Am 31.01. hatten wir dazu ein Treffen von etwa 20 Personen eingeladen in die Lobby des Capri by Fraser.
Allerdings musste ich leider feststellen, dass die bürokratischen Hürden trotz der Bewegung GenoDigital immer noch sehr hoch hängen und dass der gesamte Prozess sehr intransparent ist – und dass immer noch die Macht bei den sogenannten Prüfverbänden liegt. Und dass die Prüfverbände, die Genossenschaftsprüfverbände – davon gibt es etwa ein Dutzend in Deutschland –, ihre eigenen Regeln machen und vor allem ihre eigenen Preise aufrufen. Ich habe unter anderem einen Verband kontaktiert – ich habe den Namen jetzt nicht mehr auf dem Schirm, es war der Verband, den auch SleepDrift eG aus Leipzig genutzt haben, das war deren Empfehlung. Und ich habe diese Person angerufen – das war eine Person aus Leipzig –, und innerhalb von etwa einer Minute kam er sofort zum Punkt und meinte, dass die Prüfung um die 10.000 Euro kosten würde.
Und das war für mich ein No-Go, weil in der heutigen Zeit mit KI kann ich doch nicht 10.000 Euro aufrufen für eine Prüfung, die die KI quasi kostenlos macht. Was soll denn da geprüft werden? Also die Parameter kann die KI viel besser abfragen und dann eine Entscheidung treffen – weil ja auch dieser Prüfverband natürlich nicht garantieren kann, dass das Geschäftsmodell der Genossenschaft funktioniert und tragfähig ist, vor allem in der heutigen Zeit, wo überhaupt nichts mehr vorhersehbar und vorhersagbar ist. Und diese Person, mit der ich da gesprochen habe am Telefon, die ließ auch nicht mit sich verhandeln, sondern die hat einfach gesagt: „Ja, das kostet 10.000 Euro, ciao Kakao.“ So – und 10.000 Euro, die muss ich erstmal aufbringen, und die kann ich besser, gewinnbringender, sinnvoller und wertvoller anlegen, als sie einem Genossenschaftsverband in den Rachen zu werfen.
Ähnlich war die Situation in Bezug auf die Eröffnung eines Geschäftskontos: Also auch das ist immer noch sehr bürokratisch und sehr schwierig, da gibt es viele Hürden. Und auch meine Erfahrungen, mein Kontakt mit der Ostwerk GmbH, die angeblich Genossenschaften im Osten unterstützt, war sehr negativ, weil sie eigentlich unser Konzept sofort abgelehnt haben und uns zu verstehen gegeben haben, dass sie nur Genossenschaften im traditionellen Sinne fördern – das heißt Agrargenossenschaften oder Baugenossenschaften oder große Unternehmen, wo es um sehr viel Kohle geht. Aber nicht das, was UNO.TEAM sich auf die Fahnen geschrieben hat, also Humanity at HER Best – damit konnte Ostwerk und kann Ostwerk nach wie vor nichts anfangen. Und deswegen sehe ich da immer noch dieses Machtgefälle auch bei den Genossenschaften. Und insofern bin ich zunächst erstmal geheilt.
Am Ende ist auch der Begriff so ein bisschen veraltet: „Genossen“. Wer sind die Genossen? Warum nicht Genoss:innen? Und „-schaft“ klingt auch so ein bisschen nach „Mannschaft“, irgendwie verstaubt – Co-op klingt da natürlich schon viel besser! Und diese Hürden, die es da gibt, die erklären, glaube ich, auch, warum nach wie vor die Zahl der Neugründungen von Genossenschaften leider zurückgeht. Ich sehe Genossenschaften, die sich gründen im Energiebereich, vielleicht auch noch im Agrarbereich – SoLaWis gibt es ja. In dem Gespräch mit der Sarah von der Gebäck-Genossenschaft haben wir erfahren, dass Leipzig tatsächlich ein Hotspot ist für SoLaWis, dass es da mehrere gibt. Also ich kenne KoLa (Kollektive Landwirtschaft), und die Sarah meinte, nein, es gäbe auch eine ganze Reihe anderer SoLaWis, und viele dieser SoLaWis gründen sich dann als Genossenschaft – und ich wünsche ihnen dabei viel Erfolg.
Für mich ist es jetzt kein primäres, immediate, sofortiges Ziel mehr. Ich habe es on the back burner, ich habe das erstmal auf Eis gelegt und will abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Leider musste ich halt feststellen, dass es also auch in diesem Bereich ein Machtgefälle gibt und dass da nach wie vor auch patriarchalische Strukturen durchkommen – dass wir also bei den Genossenschaften noch lange nicht an dem Punkt sind, wo wir sagen können: Das sind gemeinwohlorientierte Prinzipien.
Deshalb nehme ich davon im Moment erstmal Abstand und konzentriere mich – das heißt wir, wir sind ja zu zweit und vielleicht bald auch zu dritt oder zu viert, ganz wichtig –: Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung vor allem unserer Website in Kombination mit den Events, die wir jetzt anbieten vor Ort, Unterstützung vor Ort, und dazu braucht es zunächst erstmal keine bürokratische Struktur, keinen Riesenaufwand. Weil natürlich die Bürokratie enorm ist bei der Gründung einer Genossenschaft: angefangen von der Buchhaltung – es muss dann auf jeden Fall eine bestimmte Software sein, ich glaube, es muss zwingend DATEV sein, weil DATEV ist ja auch eine Genossenschaft, die haben da das Monopol, das schreiben die vor. Dann muss es jährlich eine Prüfung geben, die natürlich nicht digital erfolgen wird und die viel Geld kostet, dann brauchen wir Büroräume und vieles mehr – also Dinge, an die wir jetzt vielleicht gar nicht denken.
Ich erinnere mich, wie das damals war, als ich meine GmbH gegründet habe, die Autotransfer.jetzt GmbH: Das war ein bürokratisches Monstrum, und ich bin froh, dass ich sie los bin – weil nicht ich die GmbH beherrscht habe, sondern die GmbH hat mich beherrscht. Und ich glaube, ähnlich wäre es jetzt mit einer Genossenschaft. Das brauche ich nicht, das will ich nicht. Übrigens habe ich ganz Ähnliches gehört von Diana Osterhage, die sich auch zunächst mit dem Gedanken getragen hatte, eine UG zu gründen und sie startfinanzieren zu lassen über Startnext. Und Diana hat mir dann berichtet, dass auch ihr das Ganze viel zu bürokratisch und zu starr ist und sie deswegen auch Abstand nimmt von der Gründung einer juristischen Person – und dass es jetzt erstmal um Menschen geht, und um Werte, um Vertrauen, um zwischenmenschliche Beziehungen und weniger um Bürokratie.