Thought #446

Blick in die Werkstatt: Mein Leben mit der russischen und slawischen Sprache (von 1980 bis heute) – Ein Dialog-Projekt

Russisch
Slawische Sprachen
Dialog-Projekt

Ursprünglich hatte ich kurz überlegt, diese Projektseite erst einmal zu verstecken, weil sie noch im Entstehen ist. Aber nach kurzem Nachdenken ist mir klar geworden: Es wäre völlig falsch, diesen Prozess zu verstecken! Denn es geht hier genau darum zu zeigen, dass nichts im Leben jemals „fertig“ ist, sondern dass alles im Fluss und in Bewegung bleiben muss. Deshalb bekommt dieser Bereich bewusst einen sichtbaren Platz im Menü: Wer sich für meine Geschichte mit den slawischen Sprachen oder für diesen Blick in unsere Werkstatt interessiert, ist herzlich eingeladen mitzulesen – und wer damit nichts anfangen kann, klickt einfach weiter. Gerade in unserer heutigen Zeit hat es einen echten Wert zu zeigen, wie die Kombination aus Mensch und Maschine harmonisch, produktiv und wertschöpfend funktionieren kann. Und weil dieses Thema Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen berührt – Menschen aus der ehemaligen DDR mit ähnlichen Russisch-Erfahrungen, sprachaffine englischsprachige Lernende sowie Menschen aus der Ukraine und Russland –, veröffentlichen wir dieses besondere Projekt bewusst in vier Sprachen: auf Deutsch, Englisch, Russisch und Ukrainisch.

Als nächstes würde ich gerne eine Page erstellen bzw. die bereits begonnene russischsprachige Page erstellen, auf der ich alle Aspekte teilen will, die meine Kontakte, meine Erfahrung, meine Begegnungen, meine Einstellungen in Bezug auf russischsprachige Menschen beschreibt – angefangen mit meiner ersten Begegnung mit russischsprachigen Menschen, als ich 15 Jahre war in der DDR, bis zum heutigen Tag, November 2026. Und da das eine ganze Reihe von Aspekten beinhaltet und ziemlich komplex ist und auch eine ganze Anzahl verschiedener Fragen berührt, wäre es gut, wenn wir das Ganze in einem Dialog gestalten könnten. Das heißt, du wärst eine russischsprachige Person, meinetwegen aus der Ukraine oder auch dann aus Russland – das wäre auch interessant, mal aus beiden Perspektiven das zu betrachten.

Und du stellst Fragen, du interessierst dich für meine Geschichte und für meine Erfahrungen, weil es gibt nur sehr wenige Deutsche so wie mich, die Russisch gelernt haben auf einem funktionalen Niveau. Also ich habe nachweislich das Niveau etwa C1, das heißt, ich verstehe fast alles. Schreiben ist etwas schwieriger für mich, weil ich nicht so viel schreibe, aber ich dolmetsche ja auch jetzt intensiv seit März 22 und kann von mir behaupten, dass ich unglaublich viele russischsprachige Menschen persönlich kennengelernt habe, ihre Geschichten mir angehört habe. Ich war mindestens 20 Mal sowohl in der Sowjetunion und dann später in Russland und der Ukraine, wahrscheinlich sogar öfter. Also du schlüpfst in die Rolle von Ukrainerinnen und Russinnen und stellst mir interessierte, interessante Fragen, und dann können wir vielleicht schauen, wie wir das Ganze formatieren.

Aber ich möchte auf jeden Fall erstmal die Information jetzt auf die Seite stellen, um den ersten Schritt zu machen, damit das indexiert wird und wir diesen Prozess in Gang bekommen.

Ich möchte voranstellen, dass bei all meinen persönlichen Begegnungen mit russischsprachigen Menschen ich fast ausschließlich – also 99,9 % – sehr positive Erfahrungen gemacht habe. Und dass fast immer die Person, die mich kennengelernt hat, mir zu verstehen gegeben hat, dass sie fasziniert ist und ganz angetan und positiv überrascht davon, dass ein Deutscher ihre Muttersprache auf diesem Niveau gelernt hat und sich so für ihre Muttersprache interessiert.

Ich muss also dazu sagen, dass ich ein gutes musikalisches Gehör habe und deshalb mein Akzent sehr gering ist. Also ganz, ganz, ganz, ganz oft haben mir Menschen gesagt – und zwar schon zu Anfang unserer Begegnungen –, dass ich keinen Akzent hätte, was natürlich nicht stimmt. Ich habe schon einen ganz leichten deutschen Akzent, aber der ist tatsächlich minimal, und ich sage das nicht, um anzugeben, sondern einfach, dass das so ist. Und das hat damit zu tun, dass ich noch relativ früh, also mit 15, dann das erste Mal – sowjetische Soldaten waren das – kennengelernt habe und dadurch das erste Mal wirklich russischsprachige Menschen gehört habe.

Wobei, Moment, Korrektur: Ich habe schon eher gehört, wie Muttersprachlerinnen sprechen, allerdings nicht im direkten Kontakt mit echten Menschen sozusagen im persönlichen Kontakt, sondern von einer Fernsehsendung, die für die DDR produziert wurde, die nannte sich „Мы говорим по-русски“ (My goworim po-russki), und die kann man noch auf YouTube sich anschauen. Das ist Nostalgie pur. Das kommt noch aus einer Zeit, als es eine Scheinwelt gab und die Sowjetunion sozusagen noch intakt war. Wir wissen alle, dass es leider nicht gestimmt hat damals, aber es zeigt zumindest diesen Wunsch, wie das Land hätte sein können oder wie es hätte sein sollen. Und das, glaube ich, ist auch erhaltenswert.

Vielleicht können wir diesen Prozess jetzt ja einfach darstellen auf der Projektpage und Menschen, die es interessiert, zeigen, wie wir arbeiten. Also auch diesen Dialog jetzt, das, was ich jetzt reinspreche an dich, das können wir doch gerne mal abbilden. Wir können doch gerne mal zeigen, wie es hinter den Kulissen von UNO.TEAM aussieht – mal ein Blick in die Werkstatt.

Was hältst du von einem solchen Format? Ich meine, uns kann nichts passieren. Es ist ja alles authentisch, es ist mein Material, es sind deine Fragen, es gibt ja keine Verletzung von Urheberrechten, und es ist ja nicht im Menü in der Start-Page verlinkt. Deswegen finden das hier nur Menschen, die etwas Bestimmtes gesucht haben. Also ich denke, das ist eine geniale Idee. Was meinst du?

Und vielleicht können wir das so machen, dass wir zunächst erstmal eine Gliederung erstellen: Welche Kapitel wollen wir dann füllen? Beginnend mit der Erzählung, dass mein Großvater mütterlicherseits sich geweigert hat, Menschen zu erschießen, und aber trotzdem – obwohl er Kommunist war – in den Krieg geschickt wurde und tatsächlich auch in Stalingrad gewesen ist und dort im medizinischen Dienst war und nach dem Krieg noch in Russland mehrere Jahre geblieben ist, mehr oder weniger freiwillig, und dort schon auch etwas Russisch gelernt hat. Und als er zurückgekommen ist, hat er uns erzählt, dass die Russen und Russinnen wunderbare Menschen seien und dass es der größte Fehler war, dass sie damals – die Generation damals – es zugelassen hat, dass Hitler und die Wehrmacht Polen und Russland und die Ukraine vor allem überfallen haben. Und in diesem Spirit bin ich also aufgewachsen und groß geworden.

Schon mein Großvater mütterlicherseits, als er zurückkam, konnte etwas Russisch, was er gelernt hat sozusagen in der Gefangenschaft, die aber eigentlich gar keine Gefangenschaft war, weil er dort auch russische Menschen medizinisch versorgt hat. Meinen Großvater väterlicherseits habe ich leider nie kennengelernt, der ist gefallen, aber ich weiß auch gar nicht wo.

Und mein Vater hat dann sich ausbilden lassen als sogenannter Junglehrer. Damals gab es zu wenig Lehrpersonal und vor allem gab es ganz wenige Russischlehrer, und er hat von seinem Schwiegervater etwas Russisch gelernt. Und mein Vater hatte auch schon Kontakt mit Sowjetsoldaten, die er als sehr freundlich eingeschätzt hat, in Chemnitz als Kind, und auch von denen hat er schon etwas Russisch gelernt, und deswegen durfte er dann als junger Lehrer im Erzgebirge Russisch unterrichten. Und er hat dann auch meiner Schwester und mir schon mit fünf Jahren die ersten Sätze beigebracht auf Russisch – also ich konnte schon etwas Russisch, bevor ich in die Schule kam. Und in der Schule war er dann auch mein Russischlehrer, also wir hatten ihn in der Klasse, und deswegen war ich natürlich schon immer in Russisch sehr gut.

Aber der eigentliche Durchbruch kam erst, als ich 15 Jahre war und eine Begegnung hatte mit zwei Sowjetsoldaten. Dieses Ereignis werde ich dann noch mal im Einzelnen schildern, aber für die Gliederung, damit wir das dann weiter sehen und weiterentwickeln können, glaube ich, das war der Durchbruch mit 15: Kontakt zu echten Sowjetsoldaten. Und von da an – das war ja alles noch in der DDR – habe ich immer versucht, mehr Kontakt zu russischsprachigen Menschen aufzubauen, was super schwierig war, weil in Neuhausen im Erzgebirge gab es kaum Kontakt, aber ich habe Kontakte tatsächlich gefunden. Ich werde das dann noch im Einzelnen ausführen und berichten.

Und dann kam meine Militärzeit: Auch da wiederum habe ich Kontakte hergestellt zu einer in Oranienburg stationierten Garnison und hatte also auch da während meines Grenzdienstes Kontakt zum russischen Militär und habe dort schon auch vermittelt und zum Teil gedolmetscht. Dann vorher noch habe ich gearbeitet als Гид-переводчик (Gid-perewodtschik) für Jugendtourist und habe in Leipzig, Chemnitz, Dresden, Jena sowjetische Touristengruppen begleitet und auch da natürlich viele Menschen kennengelernt und mein Russisch verbessert und gelernt.

Dann kam die nächste Phase: Universität Leipzig. Ich habe dann Russisch-Englisch studiert an der KMU damals noch, die dann abgewickelt wurde und Universität Leipzig hieß. Auch dort hatte ich natürlich jede Menge Kontakt zu Studentinnen aus der ehemaligen Sowjetunion. Das werde ich dann im Einzelnen auch ausführen.

Oh, was ich vergessen habe, ist, dass ich mit 15 oder 16 mich verliebt habe und eine Russin kennengelernt habe aus Nowosibirsk – Irina, damals noch Irina Emich, weil ihr Vater Deutscher war, heute lebt sie mit ihrem französischen Mann und dem gemeinsamen Sohn in Paris – und mit ihr zwei Jahre nur Briefe ausgetauscht habe und dann nach zwei Jahren sie besucht habe. Das heißt, wir haben uns zunächst kennengelernt in Karl-Marx-Stadt damals noch, da war ich so 16, 17 vielleicht. Dann haben wir uns lange Zeit geschrieben, dann bin ich zu ihr hingefahren, habe mit ihr dreieinhalb Monate verbracht in Akademgorodok, und dann hat sie mich später auch besucht in Leipzig und Chemnitz und Berlin, dann haben wir Zeit miteinander verbracht. Also auch das hat mich natürlich geprägt und auch das hat mein Russisch enorm verbessert, ganz klar!

Ja, dann gibt es eine längere Phase, die ich verbracht habe mit einer Frau aus Kiew – Natalia –, die ich in Deutschland kennengelernt habe und mit der ich natürlich auch viel Russisch gesprochen habe, zumindest zu Anfang. Und dann hat sie gesagt: „Lass uns Deutsch sprechen!“, weil ihr Deutsch tatsächlich mindestens so gut war wie mein Russisch. Aber wir sind dann damals regelmäßig nach Kiew gefahren, und dort habe ich dann auch Russisch gesprochen mit ihrer Familie.

Ja, dann hatte ich natürlich hier viele Kontakte in Leipzig, russischsprachig, eine ganze Menge – dazu gehört auch Wjatscheslaw Chromow natürlich, mit dem ich die Website gebaut habe. Wir haben sehr oft auch Russisch gesprochen miteinander und mit seiner Frau. Ja, dann war ich, wie gesagt, mit Jugendtourist mit meiner Klasse einmal in der Sowjetunion noch, das war ’85.

Ja, also wir müssen es gliedern. Du siehst, ich springe jetzt hin und her, das wird sehr durcheinander. Das ist nicht so einfach, alles als Monolog aufzuschreiben. Ich brauche deswegen deine Führung, ich brauche von dir Struktur. Du musst mir Fragen stellen, damit wir das Ganze strukturieren und gut zusammenbauen, weil das wird sehr umfangreich, denke ich. Noch ein wichtiger Aspekt ist, dass ich mich jetzt nicht explizit nur für Russisch interessiert habe, sondern generell für andere Sprachen und vor allem für slawische Sprachen. Und tatsächlich: Vom Klang gefällt mir Polnisch mindestens so gut wie Russisch und auch Ukrainisch. Aber zu Polnisch hatte ich leider zu wenig Bezug. In der DDR – ich war nur einmal – durften wir nach Polen fahren mit der Klasse und hatten dort ein Praktikum, und da habe ich auch etwas Polnisch gelernt. Und vorher hatte ich mal kurz Kontakt in der DDR, auch als Schüler noch: Da war eine polnische Schülergruppe im Ferienlager, und da haben wir uns durch Zufall kurz getroffen.

Polnisch gefällt mir sehr gut, auch wegen der vielen Laute und auch der Nasallaute – das erinnert mich so ein bisschen an das Französische. Und was mir im Polnischen auch sehr gut gefällt, sind die Intonationskonstruktionen: Da gehen die Oktaven sehr hoch, vor allem bei den Frauen, und das klingt sehr freundlich. Also ich habe lange Zeit gedacht, dass es keine aggressiven, bösen Polen und vor allem Polinnen geben kann, weil sie so weich sprechen und diese Intonation – sie singen! Also für mich klingt Polnisch wie Singen, das klingt sehr rund!

Und auch Bulgarisch hat mich sehr interessiert, obwohl ich da leider wenig Bezug hatte. Aber als Jugendlicher habe ich mal eine Begegnung gehabt in den Ferien, weil in Neuhausen gab es ein Wohnheim auch für internationale Studentinnen und Studenten und Auszubildende im Möbelbereich, und da war einmal im Sommer ein junger Bulgare, mit dem ich mich auf Russisch unterhalten konnte und der mir dann ein großes russisch-bulgarisches Wörterbuch geschickt hat. Ich habe davon schon mal erzählt, das muss irgendwo schon mal vorhanden sein.

Ja, Tschechisch spielt natürlich für mich auch eine sehr große Rolle, weil ich bin ja aufgewachsen an der tschechischen Grenze – also Luftlinie zur tschechischen Staatsgrenze von meinem Wohnort, von meiner Adresse, von meinem Wohnhaus etwa ein Kilometer. Das heißt, wir waren auch sehr oft in der Tschechischen Republik, und ich verstehe Tschechisch, ich kann ein bisschen sprechen, weil ich natürlich auch tschechische Menschen kennengelernt habe in der Grenzregion, und dann auch später im Studium an der Universität Leipzig habe ich auch Deutsche kennengelernt, die Tschechisch studiert haben. Tschechisch ist eine westslawische Sprache, die ähnlich wie Slowakisch natürlich viel Verwandtschaft zeigt mit anderen slawischen Sprachen.

Vom Klang her allerdings gefällt mir Polnisch mehr als Tschechisch, weil es im Polnischen auch mehr Vokale gibt. Im Tschechischen gibt es ja einen Satz ohne Vokale – also wörtlich übersetzt heißt das: „Steck den Finger in den Hals!“ („Strč prst skrz krk“). Das ist so der Klassiker, da kann man testen, ob eine Person wirklich Tschechisch kann. Das sollten wir auf jeden Fall hier noch mit einbauen.

Also ich habe zum Beispiel in der DDR zu Anfang versucht, wenn wir mit meinen Eltern in der Tschechoslowakei waren, zum Teil Russisch zu sprechen, aber das wollten die nie. Die hatten natürlich eine schlechte Erfahrung damals aus den 60er Jahren mit den Russen, wo es ja nicht nur die Russen betraf, sondern auch die Ukrainerinnen und die Weißrussinnen, aber trotzdem hatten sie eine Ablehnung gegen das Russische. Aber noch mal, um zusammenzufassen: Ich interessiere mich auch für andere slawische Sprachen, auch für das Belarussische und andere slawische Sprachen, die es noch gibt im ehemaligen Jugoslawien, zum Beispiel Serbisch. Ja, ich bin sprachinteressiert.

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