Thought #441

teilAuto eG & cityflitzer: Eine echte ostdeutsche Erfolgsstory (und wie Digitalisierung eben doch geht)

Genossenschaft
Commons
Leipzig

Die teilAuto eG ist aus meiner Sicht eine der ganz wenigen wirklichen unternehmerischen Erfolgsstorys, die im Osten nach der Wende entstanden. Ursprünglich war teilAuto ein Verein – soweit ich weiß, gegründet in Halle – mit dem Ziel, die Anzahl der stehenden, geparkten Fahrzeuge im öffentlichen Raum in der Stadt Halle zu reduzieren. Und dieses Konzept hat gegriffen, es hat funktioniert: Die Menschen haben sich organisiert, haben Fahrzeuge geshared, haben Carsharing betrieben. Und dann hat sich das immer weiterentwickelt – so weit, dass jetzt im Jahr 2026 teilAuto eine Genossenschaft geworden ist und – ich denke, seit zwei, drei Jahren erst – ein neues Free-Floating-Angebot gelauncht hat mit dem Namen cityflitzer!

Und cityflitzer ist, glaube ich, eine Erfolgsstory noch mal innerhalb von teilAuto. Weil soweit ich das einschätze aus eigener Erfahrung: Ich teste das jetzt seit mehreren Wochen, da ich meine Frau zur Reha bringe und wieder abhole, weil sie mit ihrem Knie noch Schwierigkeiten hat und sich deswegen am besten mit einem Auto durch die Stadt bewegt. Und wir haben jetzt jedes Mal bei jeder Fahrt nur wenige Minuten vor Antritt der Fahrt ein Free-Floating-Fahrzeug hier in der Nähe bei uns gebucht, gefunden, es dann wieder in der Stadt abstellen können und dann das nächste Fahrzeug buchen können. Ich müsste jetzt reinschauen in meine App – also ich schätze, es waren mindestens 50 bis 60 Fahrten, die alle wunderbar funktioniert haben.

Und ich glaube, dass das einmalig ist in Deutschland, dass ein Unternehmen, welches von Bürger:innen gegründet wurde, sich am Markt etabliert hat. Weil die Geschichte von teilAuto ist nett, kann man nachlesen, die war nicht ganz einfach: Unter anderem war die Deutsche Bahn involviert und wollte wohl entweder mit einsteigen bzw. wollte das Unternehmen teilAuto verdrängen, wollte ein eigenes Carsharing-Programm an den Start bringen – hat es aber nicht geschafft. Genauso gescheitert sind alle großen Fahrzeughersteller, deutsche Marken wie VW, BMW, mit ihren Angeboten jeweils. Ich glaube, BMW hat noch was in München am Laufen, und ich glaube, auch VW hat da noch irgendwie Startups und Ambitionen, vor allem in Berlin – aber in Leipzig sehe ich cityflitzer.

Was ich schade finde, ist, dass die Städte – vor allem Halle – noch nicht bereit sind, cityflitzer auch zu akzeptieren. Weil dann könnte man ja pendeln: Also Halle und Leipzig sind ja zwei Twin Cities, sie haben viel gemeinsam, sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt, teilen sich den Flughafen. Und da bietet es sich an, es liegt einfach nur sehr nahe, dass cityflitzer auch in Halle an den Start käme. Und genauso müsste das sein in allen sächsischen Metropolen – in Dresden, Chemnitz: Überall sehe ich einen Riesenbedarf für cityflitzer.

Vor allem auch für die junge Generation, Gen Z: Da kauft sich kaum noch jemand ein Auto. Weil sie es sich nicht leisten können – das ist der erste Grund –, und der zweite Grund ist, weil sie es nicht brauchen. Sie sehen keine Notwendigkeit für privaten PKW-Besitz, weil in einer Großstadt wie Leipzig steht der private PKW zu 95 % nur rum und behindert und blockiert wertvollen urbanen Raum. Und da sind wir wieder bei den Commons: Warum soll die Gemeinschaft für Dinge aufkommen, die nur wenige nutzen?

Deswegen: Ich feiere cityflitzer! Ich weiß, es gibt – auch vor allem in der linken Szene in Connewitz – Menschen, die das auch ablehnen, die sagen, wir brauchen überhaupt keine Autos. Mag sein, aber der Übergang zur autofreien Stadt sollte so gestaltet werden, dass es möglich ist, wenn man mal ein Fahrzeug braucht, dass man auch in ein Auto steigen kann. Also wenn ich zum Beispiel hier aus Möckern nach Markkleeberg fahren will, dann gibt es keine direkte Verbindung des öffentlichen Nahverkehrs. Ich muss dann Umwege fahren und bräuchte mit der S-Bahn eine Dreiviertelstunde – wenn ich in das Fahrzeug steige, dann brauche ich vielleicht nur 20 Minuten.

Deswegen freue ich mich sehr über den Erfolg von cityflitzer. Und ich glaube, cityflitzer hat auch deswegen den Erfolg, weil man die Fahrzeuge einfach im Stadtbild sieht: Sie sind auffällig, dann holt man das Handy raus, installiert die App und ist faktisch schon fast am Start. Funktioniert sehr, sehr gut – und das ist genau das Gegenbeispiel zu den Aktenboxen, zu diesen Aktenordnern von diesem uralten Bildungsträger: Hier funktioniert die Digitalisierung trotz aller Widerstände bei teilAuto sehr gut. Die App funktioniert sehr gut, GPS funktioniert, Schlüssel rein und raus funktioniert – alles reibungslos! Also ich kann nur sagen: Ich bin begeistert.

Zum Mitdenken

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