15 zu 1 auf Leipzigs Straßen: Mütter auf Kinder-Transporträdern, das Patriarchat und wann wir unserer Wahrnehmung trauen
In unserem letzten Ruhi-Kurs, in dem wir die Lehren der Bahá’í-Religion besprechen, hatten wir das Thema Patriarchat und die Rollenunterschiede zwischen Männern und Frauen. Ich habe als Beispiel angeführt, was mir immer wieder auffällt, wenn ich durch Leipzig laufe – gerade nachmittags, aber auch in den Morgenstunden: dass sehr viele junge Mütter ihren Nachwuchs, also Kinder zwischen zwei und etwa sechs oder sieben Jahren, ganz oft mit dem Fahrrad transportieren. Und das sind oftmals spezielle Fahrräder, die genau dafür konzipiert wurden – eine stabilere Konstruktion, vorne sitzt die Mutti, vielleicht unterstützt von einem E-Motor, vielleicht auch nicht, und hinten sind zwei spezielle Sitze für Kinder montiert. Und dann fährt sie, oftmals vorbildlich mit kompletter Ausrüstung und Helmen, ihre Kinder zur Kita oder zur Schule oder holt sie dort ab.
Das sehe ich sehr oft, und das habe ich in unserer Runde angesprochen. Wir sind dort zu viert, und Jonathan – der zweite Mann in der Runde – schaute sehr skeptisch und meinte, das sei nicht seine Wahrnehmung, das sehe er so nicht. Man müsse sich ja erst mal auf „Quellen“ einigen, um da überhaupt statistisch etwas ableiten zu können; das sei wohl bloß meine persönliche Momentaufnahme, und daraus könne man kein Muster ableiten.
Daraufhin habe ich in dieser Woche mal ganz bewusst täglich darauf geachtet, wie viele Beispiele ich im Alltag tatsächlich sehe – und es ist extrem: Das Verhältnis liegt bei etwa 1 zu 15, würde ich jetzt sagen. Ich habe innerhalb der letzten Woche mindestens an die 40 Beispiele gezählt, also täglich etwa sieben bis acht. Ich hätte eine Strichliste auf Papier führen können, aber ich habe im Kopf – vor meinem geistigen Auge – bewusst mitgezählt, und es waren auf jeden Fall rund 40 junge Mütter mit ihren Kindern, oft mit technisch hochinteressanten Fahrzeugen.
Gestern zum Beispiel war ich mit meiner Frau unterwegs, und wir haben eine Mutti auf einem Fahrrad gesehen, bei dem das Kind vorne saß und eigene Pedale hatte. Über eine Kette konnte das Kind zur Fortbewegung beitragen – und zwar, indem es unabhängig von der Mutter einen Generator angetrieben hat! Das heißt: Die Mutti hat aktiv in die Pedale getreten, unterstützt von einem Elektromotor, und das Kind vorne konnte unabhängig davon in seinem eigenen Tempo strampeln und hat damit nicht direkt das Rad angetrieben, sondern über einen Generator den Akku für den Elektromotor aufgeladen. Auch so etwas ist heute schon möglich! Und bei all diesen Eltern-Kind-Fahrrädern im Alltag liegt das Verhältnis aus meiner Beobachtung bei etwa 1 zu 15 – das heißt, du siehst 15-mal mehr Muttis mit Kindern auf diesen Rädern unterwegs als Männer.
Wir können dazu gerne auch den statistischen Faktencheck machen. Allerdings glaube ich, dass bei Jonathan die eigentliche Frage noch viel tiefer liegt – und das hatte er ja selbst angedeutet, als er sagte, wir müssten uns erst mal auf eine Quelle einigen: Welche Quelle verwenden wir denn, wenn ich selbst als unmittelbarer Beobachter für ihn als Quelle nicht glaubwürdig genug bin? Und genau das ist wiederum im Kontext der Bahá’í-Religion hochinteressant, weil wir uns dort ja im Kern darauf verständigt haben, dass wir wahrhaftig sein sollen und nicht lügen. Das ist doch ein wunderbares Beispiel zum Diskutieren: Steht hier etwa eine Lüge im Raum? Sicher nicht – aber gleichzeitig glaubt er meiner Wahrnehmung nicht. Und das wirft die spannende Frage auf: Wann glauben wir einander unsere gelebte Erfahrung – oder soll ich mir am Ende selbst nicht mehr glauben, was ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, so als würde ich halluzinieren?