Thought #436

Tschaikowskistraße 92, Jury und Sophie Fränkel: Eine späte Verbeugung vor dem jüdischen Erbe im Leipziger Waldstraßenviertel

Jüdisches Leben
Leipzig
Waldstraßenviertel

Ich stehe jetzt vor dem Gebäude Tschaikowskistraße 92 und lese die Tafel. Da steht: „Jury und Sophie Fränkel. Von 1930 bis 1939 wohnte hier die Kaufmannswitwe Sophie Fränkel, geborene Schiller, eine Tante von Jury Fränkel, die er häufig besuchte. Jury (Albert) Fränkel, 1899 in Moskau geboren, lebte 1917 bis 1931 mit Unterbrechungen in Leipzig. 1917 begann er seine Ausbildung in der Rauchwarenbranche. 1921 ging er als Vertreter von Julius Ariowitsch nach Stockholm, kehrte 1927 nach Leipzig zurück. Später gründete er die Swedish Fur Fashion Group. Er besuchte die internationalen Rauchwarenauktionen, besonders in Leningrad. 1947 heiratete er Helene Bernstein und zog mit ihr nach Paris, wo er 1971 starb. Mit ‚Fränkels Rauchwaren-Handbuch‘ (1960) schuf er ein bedeutendes Nachschlagewerk über Pelztiere und Felle. In seiner Autobiografie ‚Einbahnstraße‘ beschreibt er seine aktive Zeit in der internationalen Rauchwarenbranche, die einst ihr Zentrum am Leipziger Brühl hatte.“

Ich muss gestehen – das ist jetzt ein Outing, das mir schwerfällt, aber es muss sein –: Ich habe mehrere Jahre in der Liviastraße 6 im Waldstraßenviertel gewohnt, also zwei Minuten zu Fuß von der Tschaikowskistraße entfernt. Und das Waldstraßenviertel ist ja ganz stark geprägt von jüdischer Kultur und von einer jüdischen Geschichte – ähnlich wie das Musikviertel, aber ich glaube, das Waldstraßenviertel noch stärker. Und ich muss gestehen, dass ich mich bis dato nicht so intensiv mit diesem Aspekt der Geschichte Leipzigs auseinandergesetzt habe, wie ich es eigentlich hätte machen müssen. Ich streue hiermit Asche auf mein haarloses Haupt und gelobe Besserung – es ist nie zu spät!

Ich werde mich jetzt intensiver und systematisch mit der Geschichte von Familien wie Ariowitsch beschäftigen – wir haben ja das Ariowitsch-Haus gleich hier vis-à-vis, wir haben so viele Stolpersteine im Waldstraßenviertel, und es gibt den Bürgerverein Waldstraßenviertel, der Führungen organisiert. Die jüdische Geschichte und die historischen Verbindungen zwischen Leipzig und natürlich auch Russland – vor allem Moskau und Leningrad –, all das ist sehr gut dokumentiert, und es gibt für mich keine Ausrede, mich nicht mit diesem wichtigen Aspekt Leipzigs auseinanderzusetzen. Das werde ich jetzt systematisch tun, auch als Teil von „1000 Thoughts“, weil es hier unglaublich viele Anknüpfungspunkte gibt und weil hier viele Antworten auf die Fragen liegen, die Leipzig und natürlich auch Deutschland, Israel, Russland und die Ukraine heute bewegen. Deswegen ist das hier nur der Anfang einer Serie von Beiträgen zum Thema jüdisches Leben, vor allem im Waldstraßenviertel Leipzigs.

Zum Mitdenken

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