Thought #351
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Wie wir Masken ablegen und echte Verbindung schaffen

1000 THOUGHTS
Everybody Lies
SafeSpace

Es gibt mehrere Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, warum Erwachsene sich regelmäßig – täglich – verstellen und Dinge tun und sagen, die eigentlich nicht mit ihrem Innersten vereinbar sind. Warum spielen so viele Erwachsene Rollen? Warum verstellen sie sich? Warum sprechen sie in bestimmten Situationen anders, als sie das eigentlich tun würden?

Natürlich sind die Antworten auf diese komplexe Frage sehr vielfältig. Ich glaube, es ist unter anderem auch damit zu erklären, dass wir sehr lange Zeit in kleinen Gruppen – in sogenannten Herden, wenn man so will, oder „Bands“ auf Englisch – gelebt haben und uns hier natürlich schon mal anpassen mussten an die Art und Weise, wie diese Gruppe denkt, wie sie miteinander agiert und welche Regeln sie aufstellt. Denn wenn wir damals ausgebrochen wären, hätte das für uns den sicheren Tod bedeutet. Das hängt mit der sogenannten Dunbar-Zahl zusammen – weil der britische Forscher Robin Dunbar das noch mal auf den Punkt gebracht hat, aber er ist bei Weitem nicht der Einzige, der das erkannt hat.

Wenn wir dann in die jüngere Geschichte gehen und Deutschland als Beispiel nehmen, hat Hitler mit dem Nationalsozialismus ein Versprechen an den sogenannten „kleinen Mann“ abgegeben, den es ja auch schon vorher gab: das Biedermeier beziehungsweise das kleinkarierte Bürgertum, die sogenannte heutige Mittelschicht, die bürgerliche Mitte. Hitler hat damals diese Erzählung in Umlauf gebracht, dass nur die Deutschen im „völkischen“ Sinne das Recht auf ein auskömmliches, bürgerliches – vielleicht kleinbürgerliches – Leben in bescheidenem Wohlstand haben. Und er hat solche Dinge und Institutionen ins Leben gerufen wie zum Beispiel den Volksempfänger. Mein Vater, 1932 geboren, hat mir berichtet, wie damals in fast alle deutschen Haushalte ein Rundfunkempfänger kam, der sehr preiswert war, damit die Deutschen vor allem die Propagandamaschine von Goebbels hören und sich auf den „totalen Krieg“ und die sogenannte „Endlösung“ gegen die Jüdinnen und Juden vorbereiten konnten. Außerdem gehörte zum Narrativ des Nationalsozialismus, dass die deutsche Familie Anspruch auf einen Mittelklassewagen – den sogenannten Volkswagen – hat und dass sie auf einer deutschen Autobahn meinetwegen von Köln bis zum Äquator beziehungsweise bis nach Sibirien durchfahren kann; das war das Versprechen. Dazu gab es von den Nationalsozialisten noch weitere Bonbons, allerdings natürlich nur für die sogenannten „Volksdeutschen“, während man andere Gruppen ganz bewusst diskriminiert und ausgegrenzt hat. Und die erste und größte Gruppe, die diskriminiert, entmenschlicht und der das Menschsein abgesprochen wurde, waren die Juden und Jüdinnen.

Dann haben die Alliierten diesen Spuk, diese Katastrophe mit Gewalt beendet und Deutschland noch mal die Chance gegeben, in zwei geteilten Ländern neu zu starten. In der Bundesrepublik kamen dann Adenauer und Ludwig Erhard, und Erhard hat die sogenannte „Soziale Marktwirtschaft“ ausgerufen. Das war eine angepasste Erzählung: Er hat Elemente dieses kleinbürgerlichen Wohlstandsversprechens übernommen, das Ganze modernisiert und die völkische Note natürlich logischerweise herausgenommen. Aber trotzdem blieb es dabei, dass die Durchschnittsfamilie Anspruch auf ein bürgerliches Leben haben muss – und dieses bürgerliche Leben wurde ähnlich definiert: mit einem eigenen PKW, mit Reisen in diesem PKW am besten durch ganz Europa, mit Urlaub, natürlich mit einem Eigenheim – etwas Kleines, aber Feines, „und es gehört mir“, vielleicht mit einem Garten und Gartenzwergen – sowie mit Bildung, Altersvorsorge und sozialer Absicherung.

Dieses Versprechen hat relativ lange funktioniert, solange ich mich zur sogenannten Sozialen Marktwirtschaft bekannte. Das heißt: Ich musste einverstanden sein, dass ich in der Schule Noten bekomme, dass ich artig bin, dass ich das tue, was die Lehrerinnen und Lehrer mir vorgeben, dass ich den Lehrplan umsetze, dass ich dann pflichtbewusst zur Arbeit gehe, mich weiterbilde und so weiter. Und das bedeutete natürlich, dass ich in vielen Bereichen Abstriche machen und Dinge tun musste, die nicht im Einklang mit meinem Innersten waren. Ich musste akzeptieren, dass es eine Chefetage gibt, ich musste das Patriarchat akzeptieren. Ja, man musste in dieser Republik lange Zeit akzeptieren, dass Frauen weniger wert sind und weniger Rechte haben, dass Vergewaltigung in der Ehe lange straffrei war oder dass Frauen früher nur dann einen Arbeitsvertrag unterschreiben durften, wenn der Ehemann zustimmte. Also auch in der Bundesrepublik, die angeblich so frei und demokratisch war, haben Erwachsene immer schon eine Rolle gespielt, geschauspielert und ihr wahres Inneres permanent verraten – im Austausch gegen ein kleinbürgerliches oder pseudobürgerliches Dasein.

Und jetzt funktioniert genau dieser Tauschhandel eben nicht mehr. Das heißt: Egal wie sehr ich mich jetzt verbiege und verbeuge, egal wie gut ich mich „verkaufe“, wie man so schön sagt, egal welchen Lebenslauf ich schreibe, wie wenige sogenannte „Lücken“ ich im Lebenslauf habe und wie viele Diplome und Abschlüsse ich nachweisen kann – all das wird mir heute nicht mehr nützen. Es gibt keinen einfachen, vorgezeichneten Weg mehr in die sogenannte bürgerliche Mitte, in die Mittelschicht hinein. Diese Zeit ist abgelaufen, diese Ära ist aus verschiedensten Gründen einfach vorbei.

Das führt natürlich dazu, dass viele Menschen jetzt noch mehr verunsichert sind und nicht erkennen, was die Lösung sein kann. Und anstatt jetzt zu sich zu finden, zu sich zu stehen und ehrlich mit sich selbst und mit ihren Kindern zu sein, verbeugen und verbiegen sie sich noch mehr. Sie schauspielern noch mehr – in der Hoffnung, dass sie von dem immer kleiner werdenden sogenannten Wohlstandskuchen der bürgerlichen Mitte doch noch etwas abbekommen, bevor ganz Schluss ist.

Auch ich habe natürlich seit meiner Kindheit lange Zeit Rollen ausgefüllt und Dinge getan und gesagt, die ich heute ganz anders bewerten würde. Das liegt in der Natur einer Gesellschaft und eines politischen Systems. Und ich bin dankbar, dass ich zur Generation X gehöre: Denn ich habe noch genügend Zeit in der DDR verbracht, um zum Beispiel Disziplin, Entscheidungswillen, aber auch Menschlichkeit und vor allem natürlich Russisch zu lernen – und dann ein neues System kennenzulernen, diesen Bruch, diese Wende, diesen Wandel bewusst mitzuerleben. Dadurch konnte ich das Beste aus beiden Systemen mitnehmen und mir damit mein Leben gestalten.

Gerade dadurch, dass ich in der DDR sozialisiert und aufgewachsen bin, habe ich den Wert der bundesdeutschen Ordnung noch viel besser schätzen gelernt. Hätte ich diesen Vergleich, diesen Kontrast nicht gehabt, dann hätte ich die Freiheit – zum Beispiel die Reisefreiheit, aber auch die Möglichkeit, mich frei zu äußern und mich frei zu entwickeln – nie so einschätzen und wertschätzen können, weil ich es ganz einfach nicht anders gekannt hätte. Das ist so, wie wenn jemand als Nachfahre einer Adelsfamilie oder einer sehr, sehr reichen Familie geboren wird und einfach nur erbt: Dann kann diese Person viele Dinge überhaupt nicht wertschätzen, weil man sich Freiheit erarbeiten muss und viele innere Werte erst durch einen echten Reifeprozess entstehen.

Und jetzt ist es für uns wieder an der Zeit, uns zu besinnen. Für diejenigen, die wie ich noch die DDR erlebt haben: Erinnert euch und habt den Mut, auch heute wieder das zu benennen, was ihr seht! Sprecht doch einfach aus, was ihr bis jetzt nur unter vorgehaltener Hand diskutiert. Sagt doch einfach, dass es kaum noch zukunftsträchtige, sichere Jobs gibt, dass das eher die Ausnahme ist und dass sich dieser Zustand weiter verschärfen wird – dass es nicht mehr „besser“ im alten Sinne wird, dass Wirtschaftswachstum keine Lösung ist, sondern dass wir jetzt systemisch etwas ändern müssen.

Sagt doch einfach, dass es ein Märchen ist, wenn sich Politiker oder Funktionäre hinstellen und behaupten, wir müssten „Arbeitsplätze schaffen“. Niemand will im heutigen System Arbeitsplätze schaffen! In der sogenannten Marktwirtschaft, im Kapitalismus, gibt es nur ein einziges Ziel: nämlich die optimale, maximale Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Und das funktioniert vor allem in Deutschland nie über die Schaffung von Arbeitsplätzen – das ist völlig an den Haaren herbeigezogener Unsinn, das ist Verdummung, das ist Demagogie. Fragt einen Unternehmer, ob es sein wirkliches Ziel ist, Arbeitsplätze zu schaffen, und er wird, wenn er ehrlich ist, sagen: „Kann ich gar nicht, weil das System es gar nicht zulässt, dass ich das als Ziel habe.“ Als Ziel muss er haben, die Gier seiner Eigentümer zu befriedigen. Sie wollen immer mehr – immer mehr Geld, immer mehr Macht. Schaut euch einen Elon Musk an, schaut euch einen Trump an, einen Peter Thiel und so weiter. Oder all diese vermeintlichen Vorbilder wie Jeff Bezos: Der kann den Rachen nicht voll genug bekommen, der will Milliarden scheffeln – der will doch keine Arbeitsplätze schaffen, er will sie abbauen! Dann sagt das doch auch! Sagt doch einfach: Dieses System, wie wir es jetzt haben, macht uns kaputt.

1000 Thoughts verbindet digitales Tagebuch, Blog und Microblogging zu einer neuen Grundlage für zwischenmenschliche Beziehungen. Echte soziale Verbindung entsteht nicht auf klassischen Netzwerken, wo Selbstdarstellung, Konkurrenz und der nächste Karriereschritt im Vordergrund stehen, sondern erst wenn Menschen bereit sind, sich ehrlich mit ihren Gedanken, Zweifeln und Träumen zu öffnen.

Anstatt Masken für den beruflichen Vorteil zu tragen, suchen viele Menschen – wie im Buch Everybody Lies beschrieben – nachts um drei Uhr unbeobachtet nach Antworten auf ihre eigentlichen Lebensfragen. Zwar versuchen lokale Netzwerke wie nebenan.de Nachbarschaften zu vernetzen, doch es klafft weiterhin eine große Lücke. Was fehlt, ist ein geschützter Raum (SafeSpace), der Halt und Lösungen bietet, während der Alltagsdruck steigt und traditionelle Institutionen immer weniger Sicherheit geben. 1000 Thoughts baut diese Brücke, um Menschen organisch auf einer tieferen Ebene zusammenzubringen.

Und genau das könnt ihr hier – so wie ich – sehr sicher tun, weil euch niemand über die Schulter schaut und weil es ein Irrglaube ist, dass sofort die ganze Welt liest, was ihr veröffentlicht. Wir haben hier einen echten SafeSpace, gerade weil die Algorithmen steuern und zuweisen, wer was wo liest. Deswegen ist dieses Modell, das ich hier vorlebe – und ihr könnt es gerne kopieren –, für mich ein digitaler SafeSpace: Ich kann mich hier mit der Welt verbinden und bin gleichzeitig geschützt vor Menschen, die vielleicht mit meinen Ideen und meiner Kritik nicht einverstanden sind und mir aus diesem Grund schaden wollen. Die Algorithmen schützen mich, das ist meine Erfahrung: Solche Leute werden gar nicht erst lesen, was ich schreibe. Und selbst wenn sie tatsächlich lesen würden, was ich schreibe, dann müssten sie sich inhaltlich mit meinen Gedanken und dem, was ich hier vorbringe, auseinandersetzen und es kritisch hinterfragen – und dann hätte ich ja genau das erreicht, was ich will!

Deswegen: Werft die Masken ab! Lernt von euren Kindern – und auch von Tieren. Eure Katzen zeigen euch ganz genau, was sie fühlen. Eure Kinder teilen euch ungefiltert mit, was sie denken und fühlen. Vor allem kleine Kinder, solange sie noch nicht „verdorben“ und noch nicht auf Wettbewerb, Durchsetzungskraft, Ellenbogen- und Leistungsgesellschaft konditioniert worden sind, sagen euch mit ihrer Körpersprache oder auch ganz direkt mit Worten glasklar, was sie denken. Wenn ihr zum Beispiel eine Person mitbringt oder in eurem Umfeld habt, bei der eure Kinder „Discomfort“ spüren und sich in deren Gesellschaft unwohl fühlen, dann werden eure Kinder euch das sofort mitteilen. Sie werden sagen: „Hey, den und den mag ich nicht, aus dem und dem Grund.“

Und genauso solltet ihr es auch tun, wenn ihr euch nicht selbst verraten wollt – denn auf Dauer könnt ihr das nicht. Ihr könnt auf Dauer nicht gegen eure innerste Überzeugung arbeiten und euch ewig verstellen. Ihr müsst euch irgendwann zu euch selbst bekennen – und auch zu euren Kindern, zur Gesellschaft und natürlich zu den kommenden Generationen. Das ist für mich Wahrhaftigkeit, offen auszusprechen: „Hey, nach 80 Jahren Wirtschaftswachstum brauchen wir kein verdammtes Wirtschaftswachstum mehr!“ Das Wirtschaftswachstum zerstört unsere Ökosysteme, es zerstört unsere Lebensgrundlage. Hört auf mit dieser Ideologie, hört auf mit dem Wirtschaftswachstum, hört auf mit diesem permanenten Druck! Nehmt den Druck raus und lasst uns zu dem zurückkehren, was uns als Wesen, als Menschen wirklich ausmacht. Das ist mein Appell an euch: „Humanity at her best.“ Habt keine Angst, ich bin bei euch. Ich zeige, wie es funktioniert – wir zeigen, wie es funktioniert!

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