„Die IT ist tot“ vs. das 87-Prozent-Märchen
Bei meinen Einsätzen als Sprachmittler im Jobcenter erlebe ich in diesen Tagen ein groteskes Paradoxon. Junge Menschen aus der Ukraine halten nach langem Anerkennungsverfahren endlich ihren Bescheid in den Händen: Ihr Abschluss wird in Deutschland vollwertig dem Fachinformatiker gleichgesetzt. Doch immer mehr Sachbearbeiterinnen sagen ihnen ins Gesicht: „Die IT ist tot.“ Fachinformatiker hätten keine Chance mehr, weil die KI alles kaputtmache.
Wie passt das zusammen? Einerseits erklärt das System jungen Menschen mit einer mehrjährigen, fundierten Informatik-Ausbildung, ihr Beruf sei am Ende. Andererseits finanziert genau dasselbe System 4-Wochen-Schnellkurse, knallt fachfremden Menschen ein paar englische IT-Begriffe um die Ohren und lässt Bildungsträger mit dem Märchen werben, 87 Prozent der Teilnehmenden würden danach sofort einen festen Job finden!
Lange Zeit galt die Ukraine als wahrscheinlich sogar das Land Nummer eins in Bezug auf Programmiererinnen und Programmierer – und dort vor allem auch für neue Technologien. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Ich habe mit sehr vielen ukrainischen Unternehmen aus dem IT-Bereich, mit Startup-Unternehmen vor allem aus Charkiw gesprochen, weil Charkiw nach wie vor der zentrale Hub für die IT ist. Viele amerikanische, aber auch europäische Unternehmen beauftragen ukrainische Programmier-Teams mit dem „Heavy Lifting“ – das heißt mit dem eigentlichen Coding, mit dem Programmieren und natürlich auch mit anderen Aufgaben, weil historisch die Ausbildung in diesen Bereichen – Mathematik und später auch Computer Science – in der Ukraine, vor allem in Charkiw, auf hohem Niveau ist beziehungsweise war.
Durch KI hat sich natürlich auch das geändert. Und ich habe es erlebt, dass jungen Menschen, die jetzt hier angekommen sind, die aus Charkiw geflüchtet sind und eine Ausbildung, eine Qualifikation, einen Abschluss im Bereich IT aus Charkiw in der Tasche haben, vom Jobcenter gesagt wird: „Die IT ist tot. Vergessen Sie IT.“ Und das ist natürlich sehr demotivierend für eine junge Person, die Programmierkenntnisse hat, die weiß, wie eine Programmiersprache aufgebaut ist und wie Coding funktioniert – also all die Voraussetzungen mitbringt, die man haben muss, um jetzt auch mit KI gut umzugehen. Wer also zum Beispiel weiß: Was ist ein Linux-Server? Wie funktioniert das Internet? – all diese vielen Dinge, die man wissen muss, und die Fähigkeiten, die man haben muss, um KI möglichst gut nutzen zu können: Denen wird jetzt auf den Kopf zugesagt, dass die IT tot sei. Und das stimmt natürlich so nicht.
Ich würde diesen jungen Leuten anbieten, gemeinsam Wege zu finden, wie sie jetzt auch dieses neue Coding nutzen können. Denn in der Kombination – menschlicher Programmierer und KI – ist es natürlich ideal, weil man dann mit den gegebenen Tools noch viel mehr erreichen kann, als wenn es eine Person nutzt wie ich, die eben ganz wenige technische Hintergrundkenntnisse und Fähigkeiten hat.
Mein Plädoyer wäre hier also an unsere Gesellschaft insgesamt, aber vor allem an die Institutionen, die mit jungen Menschen zu tun haben, ihnen nicht zu sagen, die IT sei tot, sondern: „Es gibt für euch natürlich jetzt sehr viele Chancen – nutzt sie!“ Dafür müssten aber eben auch die Strukturen geschaffen werden. Die gibt es leider nicht. Es gibt nur verkrustete Bildungsträger beziehungsweise neue Bildungsträger, die aber nach verkrusteten und den falschen Prinzipien arbeiten – wie OneCareer oder das Digital Career Institute. Da haben wir übrigens zwei Kandidaten, die sich insofern ähneln, als dass sie in ihren Namen beide das englische Wort „Career“ tragen und englische Namen benutzen: einmal das Digital Career Institute (DCI) aus Berlin und einmal die OneCareer GmbH.
Und beide haben aus meiner Sicht nicht verstanden, worum es eigentlich tatsächlich geht, sondern sie nutzen halt die „Opportunity“ – das sind am Ende Opportunisten. Sie versprechen eine rosige Zukunft für Menschen im sogenannten Digital Marketing. Aber das Digital Marketing wiederum ist ja einer der Gründe, warum unser Planet an seine Grenzen gekommen ist und warum unsere Ökosysteme bald vor dem Kollaps stehen: Es wird auf Teufel komm raus Digital Marketing betrieben, ohne mal nach dem Sinn zu fragen. Und das finde ich sehr, sehr bedenklich. Deswegen glaube ich, dass die Zeit – der Zenit – solcher Unternehmen bereits überschritten ist. Und UNO.TEAM wird diese Lücke füllen und eine Brücke in die Zukunft bauen.
Das 87-Prozent-Märchen hat nichts mit jener Wahrhaftigkeit zu tun, die in der Bahá’í-Religion als Fundament aller Tugenden verankert ist und die jede gesunde Gesellschaft braucht. Wahrhaftigkeit verlangt, diesen organisierten Selbstbetrug zu beenden und echte Qualifikation wieder ernst zu nehmen.
🤖 Quiz zu Thought #417
Welchen Widerspruch deckt der Autor durch seine Arbeit als Dolmetscher im Jobcenter auf?
A) Dass ausländische Abschlüsse in Deutschland grundsätzlich nicht geprüft werden.
B) Während voll ausgebildeten ukrainischen Fachinformatikern gesagt wird, die IT-Branche sei durch KI „tot“, werden gleichzeitig 4-Wochen-Schnellkurse mit unrealistischen 87-%-Jobversprechen staatlich finanziert.
C) Dass im Jobcenter keine Computer mehr benutzt werden dürfen.
D) Dass alle IT-Fachkräfte sofort verbeamtet werden.
💡 Auflösung: Richtig ist B. Es widerspricht jeder Wahrhaftigkeit, fundierte Ausbildungen für chancenlos zu erklären und gleichzeitig mit Steuergeldern vierwöchige Schnellkurse als sicheren Karriereweg zu verkaufen.